Nino Niederreiter: «Stolz auf Silber bin ich noch nicht»

Der Churer Nino Niederreiter war einer der Shooting Stars der Eishockey-WM in Schweden und Finnland. Der Stürmer konnte mit der Silbermedaille eine persönlich schwierige Saison versüssen. Nun will er den Durchbruch in der NHL schaffen.

Nino Niederreiter nimmt nach dem verlorenen WM-Final die Glückwünsche von Bundesrat Ueli Maurer (links) entgegen.

Bild: Keystone

Mit Nino Niederreiter sprach Kristian Kapp

Nino Niederreiter, ging letzten Sonntag Ihre bislang intensivste Saison zu Ende?
Nino Niederreiter: Ich denke schon. Ich spielte in der AHL 74 Spiele mit vielen Minuten Eiszeit. Dies galt auch für die zehn WM-Spiele.

Es war für Sie einerseits eine Saison mit physisch harten Herausforderungen. Andererseits aber auch eine, die im mentalen Bereich nicht immer einfach zu bewältigen gewesen sein durfte …
Am Ende war es eine gelungene Saison. Aber es war auch eine schwierige Saison. Ich durfte nicht ins NHL-Team und erhielt von den Islanders auch keine Einladung für die Play-offs. In diesen Situationen brauchte ich in mentaler Hinsicht viel Kraft.

Was half Ihnen in diesen Momenten?
Ich hatte mich im letzten Sommer mit meiner Mentaltrainerin sehr gut vorbereitet für mögliche Situationen, die ich zuvor noch nicht erlebt hatte. Darum konnte ich gute Reaktionen zeigen. Zum Beispiel am Tag, als ich erfuhr, dass ich keine Einladung ins Vorbereitungscamp der Islanders erhalten würde. Da schoss ich mit Bridgeport zwei Tore. Ich konnte da zeigen: «Hey, ich gebe nicht auf!» Das gab mir Kraft. Ich wusste, dass ich bereit sein würde für die nächste spezielle Situation – ob positiv oder negativ.

Nach 84 Spielen in gut acht Monaten dürften Sie nun aber etwas «platt» sein …
Das ist so. Die WM hat natürlich auch viel Energie gekostet. Körperlich fühle ich mich zwar noch fit. Es ist eher der Kopf, der langsam «abstellt» und vorläufig genug hat. Jetzt für die Ferien habe ich mir darum vorgenommen: Handy abstellen, nichts machen!

Was bedeutet Ihnen persönlich WM-Silber?
Im Moment ist es zwar schön, die Medaille zu haben. Ich bin aber noch nicht extrem stolz darauf.

Ist da immer noch die Enttäuschung über den verlorenen Final?
Wir waren so nahe dran an Gold. Am Anfang des Schlussdrittels führte Schweden ja erst 2:1. Als Schweden das 3:1 gelang, wussten wir, dass es gegen diesen grossen Gegner schwierig würde. Dann wollten wir wohl zu viel und verliessen unser Spielsystem. Wir kämpften da vielleicht sogar zu sehr, anstatt die Geduld zu bewahren. Wenn man aber die ganze WM anschaut, haben wir ein unglaubliches Turnier gespielt. Wir waren die Mannschaft mit den meisten Siegen.

Ganz am Ende des Finals kam zur Enttäuschung noch eine Spur Wut dazu …
Als die Schweden noch während des Spiels in der letzten Minute ihre Goldhelme anzogen, wurden wir alle sauer. Es kam uns etwas respektlos vor. Als würden sie uns nicht mehr ernst nehmen. Natürlich waren diese Goldhelme ein cooler Gag der Schweden, aber vielleicht hätten sie die paar Sekunden bis zum Spielschluss noch abwarten können.

Wut und Enttäuschung nach einem verlorenen WM-Final. Ihre Mannschaft verriet nicht nur in dieser Situation «unschweizerische» Eigenschaften. Keine Spur von Selbstzufriedenheit.
Wir hatten vor allem einen unglaublichen Teamspirit. Wir machten sehr vieles richtig. Jeder kämpfte für den anderen und freute sich für ihn. Auch nach schlechten Phasen konnten wir uns wieder zusammenreissen und uns ins Spiel zurückkämpfen.

Bis auf jenen gegen Kanada war keiner der neun Siege glücklich sondern redlich verdient. Hätten Sie so etwas vor dem Turnier für möglich gehalten?
In diesem Ausmass nicht. Wir wussten einfach, dass wir in den ersten drei Spielen gegen die drei «Grossen» Schweden, Kanada und Tschechien mindestens drei Punkte brauchen würden für den Viertelfinal. Das war unser erstes grosses Ziel. Als wir dann Schweden und Kanada bezwungen hatten, wussten wir: Hier können wir was erreichen.

Was war Ihr bestes Erlebnis seit dem Final?
Da gab es viele. Unmittelbar nach dem Spiel war es noch hart. Aber zwei, drei Stunden später nach ein, zwei Bierchen war die Freude bei allen wieder da (lacht). Und nicht zu vergessen der Heimflug. Wir nahmen die Stimmung von der Nacht zuvor mit ins Flugzeug. Und dann war da der Empfang in Kloten mit den vielen Schweizer Fans. Das war einer der schönsten Momente überhaupt.

An dieser WM wurden Sie als Held gefeiert. Fühlen Sie sich nun als Star?
Nein. Es lief mir zwar persönlich gut, aber unser Erfolg basierte auf einer Teamleistung. Es brauchte jeden einzelnen Spieler. Ich bin darum höchstens Teil eines «Heldenteams».

Sie sind erst 20, konnten aber nun die ganze Bandbreite der öffentlichen Wahrnehmung erleben. Für viele, die Sie nun als «Held» feiern, waren Sie an der WM 2012 noch der «Depp».
Letztes Jahr ging ich mit einem ganz anderen Gefühl an die WM. Ich spielte zuvor in der NHL im Schnitt fünf bis zehn Minuten pro Partie. Diese Saison spielte ich in der AHL 18 bis 20 Minuten. Je mehr du spielst, desto grösser ist dein Selbstvertrauen. Leute, die etwas vom Eishockey verstehen, wissen, was das bedeutet und wie es wirklich ist.

Die Ihnen von Coach Sean Simpson zugeteilte Rolle war letztes Jahr eine komplett andere …
Ja, es war eine «Checker-Rolle». Ich musste in erster Linie Checks fertig machen, Scheiben in der Ecke ausgraben und im Powerplay vor dem Goalie stehen, damit dieser nichts sieht. Das ist ganz etwas anderes, als wenn du auch mal das Zepter übernehmen und Sachen mit dem Puck ausprobieren darfst. So wie dieses Jahr.

Wurde Ihnen diese neue Rolle von Anfang an kommuniziert?
Sie ergab sich automatisch, weil ich mit Martin Plüss und Simon Moser in einer Linie spielen konnte. Plüss ist ein sehr routinierter Center, der gute Pässe spielt, Moser ein grosser, kräftiger Flügel. Da wusste ich, das wir gemeinsam auch offensiv etwas bewegen können. Und das machten wir dann auch.

Wir sitzen hier gerade in Ihrem Elternhaus, wo Sie nun knapp vier Tage lang wieder wohnen können. Wann waren Sie zuletzt eine so «lange» Zeit zu Hause?
Letzten August.

Haben Sie nach vier Jahren in Nordamerika akzeptieren gelernt, dass Sie kaum einmal zu Hause in der Schweiz sind?
Mittlerweile fällt es etwas leichter, auch für meine Eltern. Natürlich freue ich mich immer extrem, wenn ich wieder ins «Hotel Mamma» zurückkehren kann und bin traurig, wenn ich dann wieder gehen muss. Aber noch vor zwei Jahren wollte ich gar nicht in die Ferien, wenn ich wieder in der Schweiz war. Ich dachte, ich müsse jetzt so lange wie möglich bei den Eltern und den Geschwistern bleiben. Ich bin jetzt ja auch schon 20. Die meisten 20-Jährigen in der Schweiz wohnen ja nicht mehr zu Hause bei den Eltern.

Fühlten Sie sich letzte Saison heimisch in Bridgeport?
Ja und nein. Ich hatte einerseits eine schöne Wohngemeinschaft mit Teamkollegen in einem Haus am Meer. Andererseits bist du in der AHL regelmässig auf Roadtrips unterwegs. Und weil wir ein junge Mannschaft hatten, unternahmen wir in der Freizeit viel gemeinsam und waren selten zu Hause.

Sie wollen aber wahrscheinlich nie mehr dorthin zurück …
Natürlich hoffe ich, nächste Saison in New York zu spielen. Ich werde alles daran setzen. Mein Ziel im Sommer ist, mich so vorzubereiten, dass ich dort dann auch mental, physisch und spielerisch bereit bin und Akzente setzen kann.

Gabs für die gelungene WM Reaktionen aus Bridgeport oder New York?
Mark Streit schrieb mir ab und zu. Und von den Coaches meines Juniorenteams in Portland gabs auch Gratulationen. Ich wiederum konnte ihnen zum Titel in der WHL gratulieren.

Von den Islanders gabs aber kein Feedback?
Nein.

Die Islanders schafften überraschend die Play-off-Qualifikation. Ist das gut oder schlecht für Ihre persönliche Zukunft bei den «Isles»?
Es ist sicher positiv, dass die Mannschaft gezeigt hat, dass man mit ihr etwas erreichen kann und mit den vielen jungen Spielern, die von der AHL nach oben kommen werden, ein regelmässiger «Play-off-Contender» sein wird.

Vier ältere Stürmer der Islanders haben auslaufende Verträge. Es werden Plätze frei. Ihr Motto muss nun «Jetzt oder nie» heissen …
Ganz sicher. Meine Chance ist da, um mich in die Aufstellung zu kämpfen.

Und wenn es wieder nicht klappen sollte? Erhoffen Sie sich dann einen Wechsel zu einem anderen Klub?
Ich möchte einfach in der NHL spielen. Das ist mein Ziel. Ich bin sicher, dass ich irgendwo eine faire Chance bekommen werde. Diese muss ich dann nutzen.

  • Quelle: suedostschweiz.ch
  • Datum: 26.05.2013, 10:30 Uhr
  • Webcode: 2882928
 
 

Gastbeitrag
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