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«Hinter dem Bahnhof» – Camenischs zweites Buch

Buchautor Arno Camenisch.
Buchautor Arno Camenisch.
Auf den viel gerühmten Erstling «Sez Ner» lässt der Bündner Oberländer Arno Camenisch «Hinter dem Bahnhof» folgen. In diesem zweiten Buch vermischen sich die unterschiedlichen Idiome seiner Heimatregion zu einem neuen Idiom.

Bern. – Kein Dorf zu klein, um nicht irgendeinen huara Seich anzustellen. Die 25 Häuser und ihre Bewohner reichen dem Erzähler dafür vollauf. Für ihren Übermut zahlen er und sein Bruder freilich ihren Preis. Mal kriegen sie eins auf den Deckel, mal tätschen sie sich diesen ein.

Sinn für poetische Übergänge geschärft

Arno Camenisch ist in Tavanasa aufgewachsen, wo Sursilvan gesprochen wird. Gleich die Nachbargemeinde Obersaxen aber redet Deutsch, was auch die meisten Touristen tun. Diese sprachliche Nähe hat deshalb schon in jungen Jahren seinen Sinn für poetische Übergänge geschärft.

Setzte er Deutsch und Romanisch in «Sez Ner» einander gegenüber, verschmelzen die beiden Idiome im neuen Buch zu einem einzigen Text. Dass der Ich-Erzähler im Vorschulalter steckt, akzentuiert dieses Ineinander, indem die Worte oft erst über ihre lautmalerische Qualität verstehbar werden: «Pietigott» und «orvuar».

Dorftheater mit Lausbuben

In kurzen Absätzen erzählt Camenisch Lausbubengeschichten aus dem Dorf. Dessen Bewohner sind willige Opfer. Der Anselmo etwa, dem die beiden Saugofas die Schuhe mit Ketschüp füllen. Er und Marina gehen aber nicht deswegen in die Heimat zurück, sondern weil sie schwarz im Dorf lebten.

Auch Otto, der Velojäger, der Giacasep und der heimliche Dorfpoet Gion Bi erhalten hier schrullige Gestalt. Am nächsten stehen dem Jungen die Grosseltern, die Tatta und der Tat, vor denen er liebevollen Respekt hat. Sie bändigen die jugendliche Energie mit geduldiger Lebensweisheit. Tatas Tod am Schluss bildet so eine Zäsur.

Souverän und leichtfüssig

Camenisch erzählt frisch und witzig. Er porträtiert sein Dorf im Widerstreit zwischen dem gerne verklärten «Früher» und der vitalen Gegenwart. Seinen wahren Reiz holt dieser Text aber vor allem aus der Sprache. Der Junge kennt weder Orthographie noch Grammatik, er nimmt die Sprache übers Ohr auf. So formt er aus Romanisch, Dialekt und Hochsprache ein eigenes Idiom. Der Plural beispielsweise setzt die romanische Endung an den Schluss des deutschen Nomens. «Das macht Grüschs».

Derart erzeugt dieser Text einen speziellen Sound und einen eigenen Rhythmus, der sich beim Lesen einprägt und am Ende auch geheimnisvolle Wendungen wie «Rubas und Schrubas» verständlich werden lässt. Das zweite ist das schwierigste Buch, sagt man. Camenisch hat diese Klippe souverän und leichtfüssig gemeistert.

«Sez Ner» als Hörbuch

Wie wichtig Rhythmus und Lautung für ihn sind, bezeugt auch die von ihm selbst gelesene Hörfassung des Erstlings «Sez Ner». Die Diktion des Autors akzentuiert stimmlich das tägliche Einerlei und unterwirft ihm den lakonischen Witz. Das Leben auf der Alp ist kein Spass. Immer geht etwas in die Brüche.

Dieser Aspekt wirkt in der (hoch)deutschen Version ausgeprägter melancholisch als in der romanischen, die lebhafter klingt. Im Gegensatz zum Buch sind die beiden Sprachversionen auf der CD voneinander getrennt. Derart ergänzt das Hörbuch das Buch, ohne es zu ersetzen. (sda)

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vom 2.9.2010

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