Das Leben des Poeten Robert Walser akribisch rekonstruiert
Dem Phänomen Robert Walser widmet Bernhard Echte eine Biografie besonderer Art. Er zeichnet mit Bilddokumenten, Stimmen von Zeitgenossen, eigenen Kommentaren und Texten des Dichters dessen unsteten Lebensweg nach.
Von Walter Labhart
Seinen Lesern hat es der in Biel geborene Robert Walser (1878-1956) auf ihrer Suche nach verlässlichen biografischen Daten und Fakten nie leicht gemacht. Er trieb mit ihnen ein munteres, ihn selber erheiterndes Versteckspiel, wechselte ständig die Rollen und legte sprachlich raffinierte Fährten. Seine gespielte Naivität entlarvte er selber in den zentralen Briefen an Frieda Mermet, Glätterin in einer Anstaltswäscherei und mit den Nöten und kleinen Alltagsfreuden des Schriftstellers besonders eng vertraut. Viel über den grossen Spaziergänger, der stets ein Einzelgänger war und 1944 von Robert Zinniker erstmals in Buchform porträtiert wurde, erfuhr man auch aus den «Wanderungen mit Robert Walser», die sein Vormund und Herausgeber Carl Seelig veröffentlichte, und aus Robert Mächlers dokumentarischer Biografie aus dem Jahr 1992.
Neuer Zugang zu Walser
Der langjährige Leiter des Robert-Walser-Archivs, Bernhard Echte, hat während zweier Dezennien das bislang umfangreichste Material über den geheimnisumwitterten Aussenseiter zusammengetragen, der 1929 in die Klinik Waldau eingetreten war und 1933 in die Klinik Herisau verlegt wurde. Mittels Erinnerungen von Herausgebern, Schriftstellern, Malern und weiteren Zeitgenossen und unter häufiger Verwendung von Walsers eigenen Äusserungen in Prosatexten und Briefen rekonstruierte Echte die chronologisch vermittelte Biografie mit detektivischer Akribie. Um des Dichters Umfeld einzubeziehen, zitiert Echte aus Schriften von vielerlei Kontaktpersonen, bildet deren Bücher ab und liefert biografisch knappe Informationen zu zahlreichen Persönlichkeiten, deren Spuren er in äusserst aufwendiger Sucharbeit sicherte. Von der Einzigartigkeit des Dichters Walser überzeugt, leistete sich Echte – er gab zusammen mit Werner Morlang die Mikrogramme («Aus dem Bleistiftgebiet», sechs Bände) heraus – diesen Luxus eines bibliografischen Sonderfalls. Dadurch fällt viel neues Licht auf den früh schon von Hermann Hesse, Franz Kafka, Max Brod, Hugo von Hofmannsthal und Walter Benjamin hoch geschätzten, von Bruno Cassirer und Kurt Wolff verlegten Bruder des damals bekannteren Malers und Illustrators Karl Walser.
Verschwenderische Materialfülle
Von keinem bedeutenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts haben sich so wenige Bildnisse erhalten wie von Robert Walser. Aus seiner Arbeitszeit als Dichter sind nur neun Fotos und ein vom Bruder gemaltes Porträt überliefert, aus den späteren Jahren rund zwei Dutzend Aufnahmen von Carl Seelig. Diesen offensichtlichen Mangel einer Bildbiografie machte Echte mit unzähligen historischen Fotos von Orten wett, an denen Walser lebte, mit Abbildungen von Handschriften und Erstdrucken, mit Porträts von Freunden und Bezugspersonen aller Art. Der Leser erfährt kaum Bekanntes über den häufigen Wohnungswechsel in Bern oder über den Schachlehrer Hans Fahrni in der Waldau. Er sieht die Zürcher Schreibstube für Stellenlose und liest darüber im Roman «Geschwister Tanner», oder er bekommt Einblick in den verschollenen Roman «Theodor» (Teilabdruck in «Wissen und Leben», Zürich 1923) und sogar in die Männerabteilung eines Wachsaals einer psychiatrischen Klinik. Der gedankenschwere und physisch mehr als zwei Kilo wiegende Band enthält 948 schwarzweisse Abbildungen, die allein schon einen umfassenden Einblick in Walsers komplizierten Kosmos vermitteln. Durch die vielen Rezensionen und vor allem durch Briefzitate und Prosatexte des Dichters wird diese grandiose Materialsammlung zu einem Lesebuch, das zu weiterer Lektüre anregt. Chronik, Quellenverzeichnis, Abbildungsnachweis, Dank und ein Register, das auch Institutionen, Lokalitäten, Kunstwerke und Titel von Büchern, Filmen und Zeitschriften nennt, beschliessen den stattlichen Band.
Bernhard Echte: «Robert Walser. Sein Leben in Bildern und Texten», Suhrkamp-Verlag, 512 Seiten, 88 Franken.
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