«Homöopathie ist so wirksam wie Uriellas Badewasser»
Mit Beda Stadler sprach Fabian Renz
Herr Stadler, Sie treten heute an der Pressekonferenz der Jungfreisinnigen auf, der bisher einzigen Veranstaltung, an der gegen die Komplementärmedizin-Vorlage vom 17. Mai geworben wird. Weshalb das Engagement?
Beda Stadler: Ich bin von einer Frau, die bei den Jungfreisinnigen mitmacht, um die Teilnahme angefragt worden. Ihr Mut hat mir imponiert, nicht zuletzt, da vor allem Frauen Alternativmedizin konsumieren. Und da habe ich meine Unterstützung zugesagt.
Im Pro-Komitee sitzen Vertreter aller grossen Parteien. Ausgerechnet dann, wenn sich mal fast alle einig sind, konstatieren Sie einen Irrweg?
Ich bin fasziniert von der Tatsache, dass so viele Politiker offensichtlich in das Irrationale verliebt sind. Das stimmt mich mit Blick auf andere Entscheidungen nicht gerade zuversichtlich.
Was ist so schlimm daran, wenn die Stellung der Komplementärmedizin etwas aufgewertet wird?
Störend ist allein schon, dass wir nun die Komplementärmedizin in der Verfassung verankern, die wissenschaftliche Medizin hingegen nicht. Vor allem aber ist die Komplementärmedizin ein Religionsersatz; sie verspricht den Leuten Trost. Und jetzt soll ich über meine Prämien für die Krankenkassengrundversicherung die Tröstung dieser Gläubigen finanzieren? An sich könnte man darüber ja noch diskutieren. Aber unser Gesundheitssystem ist finanziell eh schon arg dran – ich finde es unverantwortlich, noch mehr Gratisbezüge in die Grundversorgung reinzupacken.
Derzeit droht ein Prämienanstieg von 13 bis 14 Prozent. Ist es nicht kleinlich, wenn man sich da über die vergleichsweise winzigen Kosten der Alternativmedizin aufregt?
Im Gegenteil: Durch ein Ja am 17. Mai wird neuen Begehrlichkeiten Tür und Tor geöffnet. So könnten die Vertreter der fünf Methoden, die man derzeit zur Komplementärmedizin rechnet, theoretisch auf je fünf Lehrstühle an jeder Schweizer Universität pochen.
Und trotzdem: Als die Komplementärmedizin noch kassenpflichtig war, hat sie weniger als ein Prozent der Gesundheitskosten verursacht.
Wir verfügen dazu über keine verlässlichen Zahlen. Die Krankenkassen können nicht herausfinden, welcher Arzt bei welcher Gelegenheit auf Alternativmedizin setzt. Etwa 30 Prozent der Ärzte verwenden komplementäre Mittel als Placebo, schämen sich aber, das zuzugeben.
Das heisst, die Ärzte betrügen?
Nein, so kann man das nicht sagen. Sie rechnen diese Homöopathie-Placebos unter dem Stichwort Psychiatrie ab. Unter dem Stichwort Komplementärmedizin würde sich ja jeder Arzt lächerlich machen.
Ist Komplementärmedizin für Sie denn samt und sonders Unsinn?
Beginnen wir mit der Homöpathie: Seit mehr als 100 Jahren ist bewiesen, dass sie nicht wirkt. Wer das nicht zur Kenntnis nehmen will, der ist einfach resistent gegen Fakten. Weiter gibt es die so genannten Anthroposophen, die schlichtweg Voodoo praktizieren. Mich erstaunt, dass sie nicht noch Knochen in die Luft werfen. Zur Komplementärmedizin gehört aber auch die Phytotherapie, die tatsächlich manchmal nützt, ebenso auch die chinesische Medizin.
«Viele Politiker sind verliebt in das Irrationale»
Sie greifen also vor allem Homöopathie und Anthroposophie an. Wäre es für Sie als Kompromiss akzeptabel, wenn nur Pflanzenheilkunde und Chinesische Medizin in die Grundversicherung integriert würden?
Nein. Wirksamkeit, Zweckmässigkeit, Wirtschaftlichkeit: Das sind für die Grundversorgung die entscheidenden Kriterien, zuallererst die wissenschaftlich erwiesene Wirksamkeit.
Sie können doch nicht wegdiskutieren, dass durch alternative Medizin schon Leiden kuriert wurden?
Mein Grossvater wurde 95 Jahre alt. Und dabei hatte er geraucht wie ein «Chämi». Soll ich jetzt schlussfolgern, dass Rauchen gesund ist? Man darf einfach nicht von Einzelfällen auf Allgemeingültigkeit schliessen. Die Erfahrungsmedizin – «Ich selbst habe es so erlebt, ergo ist es so» – stellt eine gewaltige Anmassung und einen Rückschritt ins Mittelalter dar.
Die Homöopathen würden ihnen entgegnen, dass sich der Erfolg ihrer Methoden sehr wohl statistisch erhärten lässt.
Die Homöopathen hatten 200 Jahre lang ihre Chance. Hier an der Universität Bern verfügen sie über einen eigenen Lehrstuhl. Sie hätten eine einzige Arbeit publizieren können, die die Wirksamkeit ihrer Methoden beweist. Sie konnten es nicht – niemand kann das. Mit gleichem Recht wie die Homöopathen könnte auch Sektenführerin Uriella mit ihrem angeblich heilenden Badewasser einen Uni-Lehrstuhl beanspruchen.
Sind Homöopathen für Sie alles Scharlatane?
Häufig sind es ausnehmend liebe, nette Menschen, die tatsächlich glauben, was sie erzählen. Sie können offensichtlich ihr Hirn abschalten. Und tun dabei nicht mal etwas Schlechtes: Sie nehmen sich für ihre Patienten viel mehr Zeit als die meisten Ärzte. Ausführlich auf den Patienten einzugehen, ihn ernst zu nehmen, würde oft schon reichen. Ein Grossteil der Krankheiten ist selbstheilend. Der Patient muss lernen, diese Selbstheilungskräfte in Gang zu bringen. Wenn er einen Arzt dazu braucht, in Ordnung. Aber dafür darf man kein Geld verlangen.
«Ein Grossteil der Krankheiten ist selbstheilend»
Die Befürworter berufen sich auf Studien, denen zufolge bis zu 70 Prozent der Bevölkerung gelegentlich Alternativmedizin nutzen. Haben wir im Volk also einen Hirn-Deaktivierungs-Quotienten von 70 Prozent?
Nein, das hat mit Falschinformation zu tun. Die Leute sind nicht dumm, aber ihnen fehlt oft das Fachwissen, um in der Medizin die Dinge richtig beurteilen zu können. Früher einmal glaubten 99,9 Prozent der Menschen, die Erde sei flach. Dass sie rund ist, weiss die Menschheit heute dank wissenschaftlicher Untersuchungen und entsprechender Information. Im Übrigen setzen die Schweizer, wann immer es ernst gilt, auf die Schulmedizin. Ich kenne zum Beispiel keine Frau, die mit homöopathischen «Kügeli» Geburtenkontrolle macht.
Gesundheitsminister Pascal Couchepin ist wie Sie ein Gegner der Vorlage vom 17. Mai. Er liess sich aber immerhin entlocken, dass er selbst auch schon auf Alternativmedizin gesetzt hat. Sie hingegen haben noch nie Globuli geschluckt?
Doch, ich habe schon Selbstversuche gemacht. Bei mir arbeitete früher eine Laborantin, die Homöopathie anwandte. Als ich einmal Kopfweh hatte, bot sie mir einen Mix aus ihrer Hausapotheke an. Nach einer halben Stunde hatte ich immer noch Kopfweh. Meine Laborantin erklärte mir, es könne fünf oder mehr Stunden dauern, bis die Kügelchen wirkten und das Kopfweh vorüber sei. Ich antwortete ihr, solange dauere es bei mir auch sonst, falls ich kein Aspirin schlucke ...
Bei Ihnen hat es nicht gewirkt, bei anderen schon. Was spricht gegen eine friedliche Koexistenz der verschiedenen Methoden?
Mir geht es bei meinem Engagement tatsächlich nicht primär um die Alternativmedizin, sondern um die Rationalität. Wir hatten in der Vergangenheit in der Schweiz viele Entscheide, die allein auf Grund religiöser Überzeugungen zustande kamen, etwa das Moratorium für die grüne Gentechnik. Die modernen Wissenschaften brauchen ein neues philosophisches Modell für den Menschen. Man kann heute wissenschaftlich nachweisen, dass Moral durch die Evolution entstanden ist. Die Wissenschaft spendet heute Lebenssinn – das wollen viele Leute nicht wahrhaben. Sie klammern sich stattdessen am Glauben fest. Religion ist übrigens heilbar.
«Die Wissenschaft spendet heute Lebenssinn»
Atheismus, Gentechnik, Schulmedizin: Hat für Sie nur Gültigkeit, was sich auf eine physikalische oder chemische Formel reduzieren lässt?
Was sich auf die Wissenschaft zurückführen lässt. Die Wissenschaft hat aber offene Grenzen. Und man darf sie nicht trennen von der Kunst und der Philosophie. Der Mensch braucht sowohl Kunst als auch Philosophie und Wissenschaft zum Leben.
Welches Resultat erwarten Sie beziehungsweise erhoffen Sie sich für den 17. Mai?
20 Prozent Nein-Stimmen.
Sie sind bescheiden...
20 Prozent Gleichgesinnte würden mir in der Tat reichen. Ich wäre stolz, wenn sich zeigt, dass wenigstens ein Fünftel der Schweizer noch alle Tassen im Schrank hat.
Beda Stadler ...
... ist Professor am Institut für Immunologie der Universität Bern, Kolumnist für verschiedene Zeitungen und leidenschaftlicher Provokateur. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit schreibt der 59-Jährige mit scharfer Feder gegen Entscheide und Standpunkte an, die er für Ausgeburten der Irrationalität hält. Berühmt und bei seinen Gegnern berüchtigt ist Stadler vor allem durch sein Eintreten für die Gentechnologie geworden. Im Abstimmungskampf um den neuen Verfassungsartikel zugunsten der Komplementärmedizin engagiert sich Stadler auf der Seite der wenigen Gegner. So konnten ihn die Jungfreisinnigen für ihre heute in Bern stattfindende Kontra-Veranstaltung gewinnen. (fr)
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