| Autor: | Stalder Jürg B. |
| Ort: | Chur 6 |
| Datum/Zeit: | 17.02.2012 14:05 |
Wer von den Politiker/innen eine weisse Weste hat, der werfe den ersten Stein! - Aber wer von uns hat schon wirklich eine reine Weste? Das Problem ist einfach die Position, die Exponiertheit zum Mob, zum pöbelnden Volk, das heute - meine persönliche Meinung - eine Art zweiter Aufklärung erlebt. Wir brauchen dazu keine expliziten Aufklärungsphilosophen mehr, wir können uns unsere (gerade oder verquere) Philosophie und Meinung vielmehr mit Hilfe der modernen Massenmedien selbst bilden. Ein Geschichtsprofessor von mir - Gott hab' ihn schon selig? - sagte einmal, in der Weltgeschichte wiederhole sich alles. Wieder ein Beispiel mehr!
18.02.2012 00:08 Uhr
-Meinung selbst bilden, entscheiden, orientieren -
Die Ungewissheit, immer mehr Entscheidungen oder Alternativen zu treffen, ist zu unserem ständigen Begleiter geworden, wir werden mit Informationen zunehmend überhäuft und zugleich trifft ein hohes technisch-wirtschaftliches Fortschrittstempo auf Stagnationserscheinungen in den politisch gesellschaftlichen Entwicklungen. Auch die persönlichen Lebenswelten der meisten Menschen werden mitnichten unentwegt "umgedreht".
Zum Glück gibt es aber Regelsysteme und An-, beziehungsweise Wegleitungen, die für die meisten Fälle eine gewisse Orientierung bieten, so dass man den Alltag problemlos meistern und sich selbst in außergewöhnlichen Situationen zurechtfinden kann. " In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige." Diesen ironischen Rat gab Karl Kraus dem, der nicht weiß, was das "Richtige" ist. Trotzdem ist es kein zynischer oder leichtfertiger Rat, erinnert er doch daran, dass man jede Entscheidung selbst treffen und verantworten muss, und dass einem kein noch so gut gemeinter Rat das Risiko dieser Entscheidung abnehmen kann.
> "Wir brauchen dazu keine expliziten Aufklärungsphilosophen mehr…"
Vielleicht brauchen wir sie nicht mehr, aber um darauf zurückzugreifen allemal. Als einer der Produzenten von Orientierungshilfen wird auch die Philosophie angesehen, und sie hat diese Erwartung oft erfüllt. Das demonstriert zum Beispiel der Kupferstich, den der Aufklärungsphilosoph Christian Thomasius seinem ersten philosophischen Buch "Philosophia aulica" mitgab. Auf diesem Bild, das ein schönes Beispiel für den dritten Weg darstellt, sieht man den Wahrheitssucher vor drei Wegen stehen, von denen der eine zur Scheinwahrheit, der andere zu der altersschwachen Philosophie der Aristoteliker und der dritte, der Weg des eigenen Nachdenkens, zur eigentlichen Wahrheit oder Entscheidung führt.
Das lebensweltliche Problem, dass die Entscheidung in jedem Fall - um noch einmal zu Karl Kraus zurückzukehren - Sache des Einzelnen ist, bleibt dennoch bestehen, und keine Philosophie kann daran etwas ändern.