Am 23. Februar hätte der Engadiner Bildhauer Giuliano Pedretti seinen 88. Geburtstag gefeiert, wäre er nicht im Januar dieses Jahres in Folge eines tragischen Verkehrsunfalls verstorben. In seinem Wohnort Celerina und in der gesamten Talschaft hinterlässt er eine grosse Lücke, als Künstler, Meister des Sgraffitos, Jäger, Mitbegründer und unermüdlicher Motor des Kulturarchivs Oberengadin in Samedan.
Er war ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen und flitzte mit einem Florett-Motorrad zwischen seinem Atelier, dem Kulturarchiv und Baugerüsten seiner Sgraffito-Aufträge hin und her. Zurzeit ist seine Florett im Schaufenster der St. Moritzer Mode-Boutique Faoro ausgestellt und weckt bei so manchem Passanten Erinnerungen an ihren Fahrer.
Man kann von einem «Uomo universale» sprechen, wenn es um Pedretti geht. Denn er war aussergewöhnlich vielseitig interessiert und entsprechend engagiert. Mit seinen verschiedenen Fähigkeiten setzte er sich ohne Unterlass für die Kultur- und Naturgeschichte des Engadins ein und wurde damit selbst Teil dieser Historie.
1985 initiierte er mit der Kunsthistorikerin Dora Lardelli das Kulturarchiv Oberengadin, das dann drei Jahre später offiziell gegründet wurde. Nicht nur bei der Jagd erwartete er «hinter jedem Busch einen Hasen», sondern auch bei seinen Streifzügen durch die Engadiner Häuser. So stellte er manchen Nachlass historischer Dokumente sicher, die über die Geschäftstätigkeit von Kunst- und Dekorationsmalern, Gewerbetreibende, über Familiengeschichten, Aus- und Einwanderer, Einheimische und Stammgäste berichten. Er sammelte auf Speichern und in Abbruch-Mulden Tage- und Kassabücher, Briefe, alte Bücher, Fotografien und naturkundliche Dokumente und trug damit wesentlich zur Erhaltung historischer Zeugnisse und damit zur Erforschung der Engadiner Geschichte bei.
Als Sgraffitto-Künstler schmückte er unzählige Engadiner Hausfassaden mit kunstvollen Friesen und Dekorationen. So künstlerisch seine Sgraffitos auch sein mögen, waren sie für ihn keine Kunst. Vielmehr sah er sich bei dieser Tätigkeit als Handwerker. Ganz Künstler war er in seinem Atelier in einem ehemaligen Hühnerstall in Celerina. Sein Vater, der Maler Arturo «Turo» Pedretti, hatte ihm das Tor zur Kunst geöffnet. Und die Begegnung mit dem Bildhauer Alberto Giacometti, der aus dem nahen Bergell stammte, ermutigte und förderte seine eigene künstlerische Entwicklung. Mit dem Anspruch, täglich etwas zu schaffen, das noch nie da gewesen ist, experimentierte er mit der Perspektive des Betrachters und stellte gewohnte Dimensionen in Frage. So hängen einige seiner Bronze-Figuren an der Wand, werfen bizarre Schatten, wie beispielsweise seine Skulptur des Giovanni Segantini, oder sie sind gar als Schatten konzipiert.
Einen Künstler, Handwerker, Wild- und Dokumenten-Jäger, Sammler, Töff-Fahrer, Risotto-Koch und lieben Menschen hat das Engadin in diesem Jahr verloren, jedoch durch sein Dasein und hinterlassenen Werke grosse Geschenke erhalten!
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