Der Entscheid des Bundesrates zum Ausstieg aus der Kernenergie hat der Nutzung erneuerbarer Energien einen neuen Auftrieb gegeben. Neben Kleinkraftwerken an noch unverbauten Flüssen und Bächen stehen vor allem Windkraftwerke zur Diskussion. Noch ist die Zahl der Windkraftwerke oder gar Windparks in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern bescheiden. Doch jetzt werden an vielen Orten die windexponierten Lagen auf ihre Eignung geprüft.
Die Natur- und Landschaftsschützer stehen vor einer schwierigen Situation. Erneuerbare Energien sind ihnen grundsätzlich sympathisch, aber bei näherer Betrachtung ergeben sich doch einige Probleme. Windparks verändern das Landschaftsbild und stören gerade in den Bergen die Idylle von der heilen Welt. Man muss sie exponiert aufstellen, dort, wo ein starker Wind weht. Die Landschaftsschützer sähen sie am liebsten nahe bei bestehenden Anlagen wie Skiliften und Bergbahnen, da die Landschaft dort schon verändert ist. Die Touristiker hingegen möchten ihre Gäste nicht zusätzlich mit Technik belasten und schlagen vor, die Windparks in entlegenen Gebieten aufzubauen.
Die Naturschützer befürchten den Fledermaus- und den Vogelschlag, wie der raue Ausdruck für den Tod dieser Tiere bei Windrädern genannt wird. Tatsächlich sterben immer wieder Fledermäuse an Windrädern. Dabei müssen sie nicht einmal in den direkten Kontakt mit einem Rotorblatt gelangen. Sie erleiden oft ein sogenanntes Barotrauma, eine Verletzung, die durch Änderungen des Umgebungsdruckes auf Hohlräume im Körper wie die Lungen oder das Mittelohr entsteht. Vögel, vor allem grössere Arten wie Adler, Geier und Milane, kollidieren direkt mit den Rotoren. Besonders gefährdet scheinen Geier zu sein. Nicht weniger als 732 Gänsegeier sind in den Jahren 2000 bis 2006 in etwa 4000 Windkraftanlagen Spaniens tödlich verunglückt. Gefährdet ist in den Alpen möglicherweise der Bartgeier, der mit grossem Aufwand wieder angesiedelt wurde. Wenn man die Zahlen der Vögel und Fledermäuse, die an Windrädern verunglückt sind, in Relation zu anderen Todesursachen wie Strassenverkehr, Vergiftungen etc. setzt, scheinen sie bescheiden. Es ist gefährlich, jede Verminderung der Artenvielfalt, die nicht zu einem Massensterben führt, als unbedeutend darzustellen. Die Biodiversität leidet unter der Summe der negativen Einflüsse, welche alle zivilisatorischen Massnahmen zusammen bewirken. Überdies ist Biodiversität mehr als eine Dekoration unserer Landschaft mit Tieren und Pflanzen, gleichsam eine liebliche Kulisse für die Naturfreaks. Die Artenvielfalt als Ganzes erbringt auch viele Dienstleistungen für den Menschen wie etwa die Aufrechthaltung von Nährstoffzyklen und die Produktion von Rohstoffen.
Was ist zu tun? Nötig sind sorgfältige Abklärungen über optimale Standorte, an welchen die Lebewesen nicht gefährdet werden und die vom ästhetischen Gesichtspunkt her befriedigen. Es ist klar, dass dies die Projekte etwas verzögert. Aber es wäre falsch, eine Energiequelle, mit der wir noch sehr wenig Erfahrung haben, gewissermassen im Hurra-Stil einzuführen.
03.05.2012 00:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 470 Leser
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