Was war das für ein Wochenende, meine ehrenwerten Leserinnen und Leser? Nein, diese Frage ist keineswegs rhetorischer Natur, denn ich sehe mich an dieser Stelle gezwungen, in aller Öffentlichkeit zu gestehen, dass ich vom diesjährigen Churer Fest leider nicht viel mehr als ein paar Stunden mitbekommen habe.
Nicht etwa, weil ich mich übermässigem Alkoholkonsum oder dergleichen hingegeben und der daraus resultierende Filmriss mir jegliche Erinnerung an das Wochenende geraubt hätte. Nein, vielmehr liess es mein Terminkalender nicht zu, dem Stadtfest dieses Jahr in ausgiebiger Art und Weise beizuwohnen.
Als wäre dies an sich nicht schon traurig genug, verpasste ich heuer auch noch meinen Zigeunerspiess am Kornplatz. Die Spiesse waren am Sonntag restlos ausverkauft. Für einen kurzen Augenblick wusste ich nicht, ob ich mich jetzt für den Verein mit den lustigen blauweissen Karo-Shirts freuen oder dem anonymen Konsumenten des letzten Spiesses heimlich die Pest an den Hals wünschen sollte. Ich entschied mich schliesslich für Ersteres – und auch ein bisschen für die Alternative. An dieser Stelle möchte ich mich übrigens für meine Prognose von letzter Woche entschuldigen, denn es gab durchaus Veränderungen in der Altstadt, welche sich für mich unter anderem in einem mintgrünen Metallsteller äusserten, welcher mich in der Oberen Gasse dezent darauf hinwies, dass ich meinen «Öpfeltätsch» dieses Jahr neu beim Postplatz beziehen könne. «Varrecksch!» dachte ich mir da nur. Da bricht jemand Konventionen. Ja, Chur ist lange nicht so eingerostet und verschlafen, wie man sich denken könnte.
Und auch wenn die Altstadt am Montagmorgen nach dem Stadtfest jeweils duftet, als hätte man sie in einem Bier-Urin-Gemisch gebadet und danach mit einem muffigen alten Handtuch abgetrocknet, trotzt die «alte Dame» ihrem Kater, begrüsst die frisch in den Schulalltag eintretenden Kinder mit offenen Armen respektive Türen und erträgt tapfer Geschrei, Getrampel und Geweine der kleinen Balge. Sie verbreitet diesen typischen Geruch von neuen Bleistiften, Einfasspapier und Radiergummis in den Schulhäusern und nimmt sich mit voller Hingabe ihren neuen Schützlingen an, damit die Eltern nach sieben bis acht Wochen Sommerferien endlich das tun können, wonach sie sich am meisten sehnen: Kurz abschalten.
Ja, wir schreiben Ende August und der Sommer zeigt sich – etwas verspätet – von seiner schönsten Seite. Daher möchte ich alle Eltern dazu ermutigen, für einen Moment wieder Jugendliche zu sein und es nochmals darauf ankommen zu lassen. Tut etwas Verrücktes. Sucht im digitalen Telefonbuch der Telefonzelle am Postplatz nach obszönen Namen. Brecht wieder mal nachts in die Badi ein und geht nackt baden (Anmerkung des Verfassers: keine Aufforderung, bloss eine Idee!). Liebt euch im Freien. Kurz: Tuts den Jungen gleich, die – auch wenns die Schule ist und sie Hausaufgaben hassen – gerade die beste Zeit ihres Lebens verbringen.
Und morgen sehe ich euch alle mit einem Lächeln durch die Stadt schlendern und weiss, dass ihr wisst, dass ich recht hatte …
30.10.2012 01:04 UHR | 1 KOMMENTARE | 1,879 Leser
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