Claudio Candinas – Churer, Mitzwanziger, Pendler, Schuhsammler und nicht zuletzt Blogger. Hier berichtet das Mitglied der Bündner Rap-Grösse Breitbild exklusiv und wöchentlich über Unerhörtes aus dem Alltag.

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Teure Karten

Der Sommer hat mit voller Wucht zugeschlagen und vergangenes Wochenende das Quecksilber dementsprechend stark in die Höhe schnellen lassen, toll. Nur bin ich mit Fieber ans Bett beziehungsweise Sofa gefesselt und friste mein Dasein mit Warten auf die Korrektur von englischen Übersetzungen, Lesen von Fachbüchern zum Thema Marketing und nicht zuletzt der Studie diverser TV-Programme.

Ich schaue normalerweise nicht sehr viel fern und zappe mich daher relativ konzeptlos durch die breite Kanallandschaft. Doch was mich unglaublich beeindruckt – ja, wirklich beeindruckt – ist die Vielfalt an esoterisch angehauchten Telefonberatungssendungen. Da ich, ausser bei Drogen, meist die Grundhaltung besitze, erst über Dinge und Begebenheiten zu urteilen, nachdem ich sie selbst erlebt habe, habe ich beschlossen, meine Lernpause mit dem bewussten, objektiven Betrachten einer solchen Sendung zu verbringen. Vielleicht würde sich ja auf wundersame Weise mein Fieber von alleine senken und die Kopfschmerzen wie von Zauberhand verschwinden.

So schaltete ich zu einem dieser einschlägigen TV-Programme. Es erschien ein schlecht gekleideter und miserabel geschminkter Jüngling mit asymmetrischer Frisur, gezupften Augenbrauen und – dem wohl bezeichnendsten Attribut – dem Kosenamen «Kristallkind».
Ich für meinen Teil kenne «Schlüsselkinder», «ADS-Kinder», «Wunschkinder» und dergleichen. Aber was genau ein «Kristallkind» auszeichnen soll, kann ich auch jetzt noch nicht nachvollziehen.

Nun gut, ich bin ein offener Mensch und lasse mich selten von Äusserlichkeiten blenden. So verfolgte ich das Ritual einer solchen Telefonberatung mit Spannung. Eine Dame im besten Alter wurde live in die Sendung geschalten und vom «Kristallkind» kurz zu ein paar demographischen Daten sowie zur allgemeinen Befindlichkeit befragt. Nachdem die Anruferin ihre Ängste bezüglich Finanzen kundgetan hatte, wurden, begleitet von ein paar billigen Floskeln, sechs Karten gelegt, in welchen das «Kristallkind» lesen konnte, dass die Anruferin ihr «Wurzel-Chakra» ins Gleichgewicht bringen könne, indem sie einen «etwas teuren aber wirksamen» Stein (der Name des Steins ist mir entfallen) kaufen solle. Somit werde sich auch ihre Finanzlage bald zum Positiven verändern.

Ich bin sprachlos. Nicht ob dieser vermeintlichen Glanzleistung dieses sogenannten Telefonmediums, sondern ob der unglaublichen Naivität erwachsener Menschen, welche vier Franken fünfzig für einen Anrufversuch berappen und – sollten sie dann wirklich durchgeschaltet werden – pro Minute weitere vier Franken fünfzig pro Minute verlieren, nur damit ihnen irgendein dahergelaufener Schwätzer sagt, dass sie Steine kaufen sollen, um ihre Finanzlage zu verbessern.

Ich möchte an dieser Stelle niemanden verletzen, doch sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, jemanden brauchen, der ihnen wirklich hilft, rufen Sie ihre Freunde an. Sie können auch mir schreiben, wenn Sie möchten. Beide Varianten fallen sicherlich günstiger und – davon bin ich überzeugt – hilfreicher aus.

Claudio Candinas, Musiker, Werbekind und Blogger, bringt für die «Südostschweiz» Unerhörtes aus dem Alltag zu Papier. Unter www.claudiocandinas.ch können sich Interessierte zudem weiteren Einträgen des Mittzwanzigers widmen.

  • Datum: 30.04.2012, 17:41 UHR
  • Webcode: 2203490
 

 

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