In «Wir schreiben Zukunft» schildert der 18-jährige Eugenio Mutschler aktuelle Ereignisse auf unserem Planeten aus der Sicht eines Jugendlichen. In kurzen Geschichten wird er dabei Verbindungen zum Alltag herstellen und aufzeigen, wie der Mensch durch seine Taten die Zukunft verändert.

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Sibirische Kälte

Ich lief eine Strasse entlang. Kalte Luft schlug auf mein ungeschütztes Gesicht, während das orange Licht der Strassenlaternen gegen die Dunkelheit anzukämpfen versuchte, welche wie ein schweres Tuch über allem lag. Hoch über mir hing der Mond in der sternenlosen Nacht, sein blasser Schein vom Schnee reflektiert wie tausend kleine Edelsteine. Nur das dumpfe Geräusch meiner Schritte war zu hören, und wenn es im Schnee nicht noch andere, verlorene Fusspuren gegeben hätte, hätte ich gedacht, ich sei allein an diesem Ort.

Glitzernde Eiskristalle umgaben mich und liessen den gerade erreichten Platz unwirklich, fast fantastisch wirken, während eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit Besitz von mir ergriff. Ich lehnte mich an eine Hausmauer, die bittere Kälte drang durch den Mantel hindurch, und als ich die Ruhe genoss, den Frieden, wurde mir bewusst, wie viel Ungerechtigkeit gerade geschah. All die Armut, welche die Krisen und Kriege gefordert haben, all den Hunger, der so reich vorhanden und doch anscheinend kaum gestillt werden konnte. In Ägypten hatte ein Fussballspiel über siebzig Tote und hunderte von Verletzten gefordert, ob dies politisch motiviert gewesen war, wird man wohl nie wissen. Seit Monaten protestieren Syrier für mehr Demokratie und gegen das Regime; als Antwort darauf werden Massaker an den eigenen Bürgern begangen.

Langsam erhob ich mich und verliess den Platz. An den Bartstoppeln dachte ich kleine Eiskristalle zu fühlen, die tiefen Temperaturen liessen die Haut auf meinen Lippen trocknen. In einer Gasse entdeckte ich eine dunkle Gestalt. Ob sie mit mir die einzige Person hier war, wusste ich nicht. Ich näherte mich ihr, welche etwas kleiner war als ich, ihre braunen Haare über die Schultern ragend und ihr blasses Gesicht wie ein Lichtschimmer in der dunklen Kleidung. Ich wollte meinen Mund öffnen, fragen, wo alle anderen Menschen und Lebewesen seien, doch noch bevor ein Laut meine Lippen verlassen hatte, bedeutete die junge Frau mir zu schweigen. Ihre Augen fixierten meine, dann begann sie aus der Gasse zu laufen und ich folgte ihr. Und mit jedem Schritt, den ich ging, bemerkte ich, wie falsch dieser Ort war, wie trügerisch, fast einschläfernd mit der tiefen, toten Ruhe, welche herrschte. Diese Ruhe, als ob es die Unruhe ausserhalb nicht gäbe, als wäre diese nicht mehr als eine naive Einbildung, die nur diejenigen etwas angeht, welche mit ihr leben müssen. Aber in Wirklichkeit existierte die Unruhe, die Ungerechtigkeit, und wenn jene, die nur Ruhe kennen, nicht aufwachten, die Probleme der Welt anerkannten, wer wusste, zu was dies eines Tages führen sollte? Die junge Frau blieb stehen. Der merkwürdige Ort lag nun hinter uns, und sie schaute wieder in mein Gesicht. Sie lächelte, dankbar und glücklich, als hätte sie meine Erkenntnis mitbekommen, und ich tat es ihr gleich.

Und wenige Augenblicke später befand ich mich in einer anderen, besseren Welt.

  • Datum: 07.02.2012, 18:59 UHR
  • Webcode: 1352920
 

 

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