«Wählt mich!» (élisez-moi!) heisst der Aufruf der Politiker, die Ende April zu den französischen Präsidentschaftswahlen antreten werden. «Elysée-moi!» heisst der Wahlkampf-Blog, in dem «Südostschweiz»-Korrespondent Stefan Brändle den Kampf um den Elysée-Palast begleitet. «Ja keine Prognose abgeben!» heisst die Lektion, die Frankreich-Kenner Brändle in den letzten drei Präsidentschaftswahlen gelernt hat.

32 Beiträge  32 Beiträge
3 Kommentare  3 Kommentare
13832 Leser  13832 Leser

Sarkozy, rechtsumkehrt

Der französische Präsident geht auf Konfrontation, um die Rechtswähler zurückzuerobern. Doch damit tritt er nur in die Falle, die er sich selber gestellt hat.

Mit dem Rücken zur Wand stehend, kehrt Nicolas Sarkozy den Hardliner heraus - im Ton wie in der Sache. Seinen sozialistischen Rivalen François Hollande bezichtigt er regelmässig als «Lügner». Seinen Innenminister Claude Guéant lässt er über die Überlegenheit der westlichen Zivilisation sinnieren. Dazu schlägt er zwei Volksabstimmungen vor, um Arbeitslose zur Annahme von Jobangeboten zwingen und Ausländer leichter abschieben zu können.

Der dezidierte Schwenker nach rechts hat zum Ziel, die Wähler von 2007 zurückzugewinnen und den Front National in Schranken zu halten. Ein Schwenker mehr für Sarkozy. Kaum ist er vom Sockel des Präsidenten gestiegen und einfacher Kandidat geworden, spielt er sich als Populist auf, der «das Volk gegen die Eliten» (so bei seinem letzten Wahlauftritt in Marseille) verteidigt. Zum Establishment zählt er nicht etwa sich selbst, sondern die Gewerkschaften - deren Sukkurs er jahrelang gesucht hatte. Noch früher, zu Beginn seines Mandats, hatte er sich auf die Seite der Unternehmer und Spitzenverdiener geschlagen. Dann predigte er plötzlich Marktregulierung und die «Neuordnung des Kapitalismus», bis ihn sogar Hugo Chávez im Klub der Sozialisten willkommen hiess. Eine Weile fand Sarkozy Gefallen am Umweltschutz, doch bald vergass er die versprochene CO2-Steuer wieder.

Die politische Sprunghaftigkeit des Präsidenten ist bekannt. Auffällig ist höchstens noch die Unverfrorenheit, mit der er seine Positionen wechselt. Mit einem fast schon unerhörten Culot warf der 57-jährige Gaullist in Marseille nicht sich selbst, sondern Hollande vor, ständig «das Gegenteil vom Vortag» zu predigen. Wie der Mittepolitiker François Bayrou darauf sagte, folgt Sarkozy offenbar dem französischen Ausdruck «plus c'est gros, plus ça passe» - je dicker man es bringt, desto eher geht es durch.

Heute hat Sarkozy aber ein Problem: Ça ne passe plus. Die Leute glauben ihm nicht mehr. Sie vertrauen ihm nicht mehr. Und das ist wohl das Verheerendste für einen Politiker, der sich zur Wiederwahl stellt.

Nur der Präsident selbst scheint das noch nicht gemerkt zu haben. Man muss schon ein politischer Autist ersten Grades sein, um zu übersehen, wie müde es die Franzosen sind, jede Saison einen «neuen» Präsidenten zu erleben - häufiger als der «Beaujolais nouveau» im November.

Diese Blindheit für die Stimmung im Land hat bei Sarkozy charakterliche Gründe - seine narzisstische Selbstüberschätzung, aber auch seine innere Zerrissenheit. Jacques Chirac war ebenfalls Gaullist, das heisst er hatte auch eine rechts-autoritäre und eine links-soziale Ader - und dazu das Talent, von einer zur anderen zu hüpfen. Doch er verhehlte das gar nicht, er meinte vielmehr mit entwaffnender Offenheit: «Nur die Dummen ändern nie ihre Meinung.» Sarkozy möchte hingegen die Welt (und sich selbst) davon überzeugen, dass er felsenfeste Prinzipien und Weltanschauungen hat – auch wenn er sie häufiger als das Hemd wechselt.

Die Franzosen nahmen ihm dies jahrelang ab, denn Sarkozy kann sehr überzeugend sein. Doch jetzt verfängt seine Masche nicht mehr. Seine ewigen Kurswechsel wecken nur noch Kopfschütteln und Ablehnung, und bei jedem neuen Versprechen, das der Präsident seiner Wählerschaft macht, kommt das Echo zurück: Warum hast du das nicht schon während der fünf Jahre im Elysée gemacht?

Sarkozy sitzt damit in der eigenen Falle: Tut er nichts, bleibt er abgeschlagen; unternimmt er etwas, wird er nicht mehr ernst genommen. Wird dem Zampano im Elysée dagegen noch etwas einfallen? Retten kann ihn nur noch eine richtige Heldentat. Keine blosse Maulheldentat.

  • Datum: 21.02.2012, 15:03 UHR
  • Webcode: 1361122

 

Gast
The content of this field is kept private and will not be shown publicly.

  • Web page addresses and e-mail addresses turn into links automatically.
  • Allowed HTML tags: <p> <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Lines and paragraphs break automatically.
  • Each email address will be obfuscated in a human readable fashion or (if JavaScript is enabled) replaced with a spamproof clickable link.

More information about formatting options

Speichern Vorschau

Sie erklären sich damit einverstanden, unseren Service weder für illegale Zwecke, noch zur Übermittlung von gesetzeswidrigen, belästigenden, beleidigenden, die Privatsphäre anderer verletzenden, missbräuchlichen, bedrohlichen, schädlichen, vulgären, obszönen, verleumderischen, zu beanstandenden oder anderweitig verwerflichen Inhalten oder von Material, welches das geistige Eigentum oder andere Rechte einer Person verletzt oder verletzen könnte, zu benützen. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

suedostschweiz.ch entscheidet über die Veröffentlichung der Beiträge und führt darüber keine Korrespondenz.

Ihre Meinung ist uns wichtig!

Was halten Sie von diesem Aritkel? Schreiben Sie in einem Kommentar Ihre Meinung dazu!

neuen Kommentar schreiben...
 

WEITERE BEITRÄGE ZUM THEMA

RSS

05.05.2012 10:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 153 Leser

Sarkozy hat keinen Präsidenten-Bonus

Ein Rückblick auf die früheren Präsidentschaftswahlen der Fünften Republik spricht gegen die Wiederwahl von Nicolas Sarkozy. Doch auf den ersten Blick haben amtierende Präsidenten in Frankreich gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Drei von vier haben es in der Geschichte der 1958 gegründeten Fünften Republik geschafft.

mehr...

01.05.2012 10:37 UHR | 0 KOMMENTARE | 282 Leser

Der vermisste Präsident

«Sarkozy, du fehlst uns schon», heisst eine Publikation von sechs französischen Karikaturisten, die den Ausgang der Präsidentschaftswahlen vorwegnehmen.

mehr...

27.04.2012 13:15 UHR | 0 KOMMENTARE | 291 Leser

Die schönen Beurettes

Unter den neuen Gesichtern, die den französischen Wahlkampf prägen, stammen einige aus nordafrikanischen Einwandererfamilien. Doch warum sind es stets Frauen – gut aussehende Frauen?

mehr...

25.04.2012 17:56 UHR | 2 KOMMENTARE | 378 Leser

Hollande hängt Sarkozy ab

Nach dem Erfolg im ersten Wahlgang trocknet François Hollande seinen Rivalen Nicolas Sarkozy auch taktisch ab.

mehr...

23.04.2012 15:05 UHR | 0 KOMMENTARE | 323 Leser

Der Schnitzer des Präsidenten

Nicolas Sarkozy wollte die Präsidentschaftswahl 2012 gewinnen, so wie er 2007 gesiegt hatte. Der französischen Staatschef übersah nur ein Detail: Seine früheren Wähler hatten in den letzten fünf Jahre viel gelernt.

mehr...

18.04.2012 16:36 UHR | 0 KOMMENTARE | 353 Leser

Die Rache des Fleischerhakens

Eigene Freunde sind bessere Feinde. Diese Erfahrung macht Nicolas Sarkozy ganz zum Schluss des Präsidentschaftswahlkampfes.

mehr...

16.04.2012 10:11 UHR | 0 KOMMENTARE | 312 Leser

Ein Mann mit Weitblick (bis 200 Kilometer)

Frankreich fragt sich: Besuchte Nicolas Sarkozy wirklich Fukushima? Antwort: So sicher, wie er beim Mauerfall in Berlin dabei war.

mehr...

11.04.2012 19:17 UHR | 0 KOMMENTARE | 300 Leser

Der Streetwear-Revolutionär

Anfang Jahr setzte er zum Sturmlauf ins Elysée an. Jetzt vollzieht der ehemalige Fussballstar Eric Cantona einen fliegenden Wechsel von der Wahl- zu einer lukrativeren Werbekampagne.

mehr...

09.04.2012 17:09 UHR | 0 KOMMENTARE | 309 Leser

Chapeau, Herr Schauspieler

Meinungsumfragen sagen in Frankreich nicht aus, wer gewinnen wird sondern nur, wer bisher als Wahlkämpfer besser war. Vive la nuance.

mehr...

04.04.2012 14:51 UHR | 0 KOMMENTARE | 553 Leser

Hilfe, er kommt zurück

Manchmal könnte man meinen, die Pariser Medien würden per Zauberhand gelenkt. Sie, die seit Monaten den Sozialisten François Hollande als zukünftigen Staatspräsidenten Frankreichs präsentieren, vollziehen eine Kehrtwende.

mehr...

03.04.2012 14:49 UHR | 0 KOMMENTARE | 435 Leser

Pariser Treppensturz

Die grüne Präsidentschaftskandidatin Eva Joly fällt in den Umfragen immer tiefer – jetzt ist sie auf einer Kinotreppe gestürzt.

mehr...

30.03.2012 20:20 UHR | 0 KOMMENTARE | 401 Leser

Humor ist, wenn es trotzdem kracht

«The Economist» fällt in seiner neuen Titelgeschichte über die «frivolen» Franzosen her. Die rächen sich mit britischem Humor.

mehr...

28.03.2012 14:34 UHR | 0 KOMMENTARE | 401 Leser

Der gefährliche Jean-Luc

Im französischen Wahlkampf dominierte bisher der Kampf um rechte Wählerstimmen. Jetzt kommt aber auch Bewegung in die linken Fronten. Die französischen Medien nennen ihn schon den dritten Mann: Jean-Luc Mélenchon, Präsidentschaftskandidat der «Linksfront» legt in den Meinungsumfragen immer mehr zu.

mehr...

25.03.2012 16:32 UHR | 0 KOMMENTARE | 492 Leser

Toulouse im toten Winkel

Die französischen Präsidentschaftskandidaten blenden die sozialen Hintergründe der Toulouse-Morde aus. Klartext reden nur die betroffenen Banlieue-Bürgermeister.

mehr...

19.03.2012 10:15 UHR | 0 KOMMENTARE | 408 Leser

Liberté, Egalité, Absurdité

In welchem Land werden die TV-Wahlsendungen immer spärlicher, wenn der wichtigste nationale Urnengang näher rückt? Richtig, in Frankreich, wo alles ein wenig andersrum läuft.

mehr...

16.03.2012 10:40 UHR | 0 KOMMENTARE | 549 Leser

Lift(ing) ins Elysée

Die Schauspielerin Emmanuelle Béart räumte kürzlich ein, sie habe ihre Schönheitsoperation «verpatzt». Frankreichs Politiker würden nicht einmal zugeben, dass sie sich geliftet haben.

mehr...

12.03.2012 10:43 UHR | 0 KOMMENTARE | 375 Leser

Balzac und DSK

Was, wenn die DSK-Affäre erst im französischen Wahlkampf aufgeflogen wäre? Oder noch verheerender - nachher? Diese Frage stellt sich nach der Lektüre des neusten Buches des französischen Journalisten Jean Quatremer, «Sexe, mensonges et médias».

mehr...

08.03.2012 19:56 UHR | 0 KOMMENTARE | 519 Leser

Mit einem Rottweiler-Lächeln

Quel choc! Frankreichs baldige First Lady Valérie Trierweiler sieht sich auf dem Titelbild jener Zeitschrift abgebildet – für die sie selber arbeitet.

mehr...

07.03.2012 15:08 UHR | 0 KOMMENTARE | 544 Leser

Der Boxer mit dem Bleifuss

Das Fernsehduell zwischen Nicolas Sarkozy und Laurent Fabius von Dienstagabend war der erste Höhepunkt des französischen Wahlkampfs.

mehr...

02.03.2012 13:36 UHR | 0 KOMMENTARE | 574 Leser

Nervenduell der Kandidaten

Nicolas Sarkozy hoffte vergeblich, dass seine Kandidaturerklärung von Mitte Februar und die folgende Themen-Offensive das Blatt wenden würden. Nach einem kurzen Aufschwung in den Meinungsumfragen ist er bereits wieder auf seine alten, miserablen Umfragewerte abgesackt.

mehr...
Anzeige
Südostschweiz Newmedia AG - Die TYPO3 und Drupal Web-Agentur für Ihre professionelle Website