Der französische Präsident geht auf Konfrontation, um die Rechtswähler zurückzuerobern. Doch damit tritt er nur in die Falle, die er sich selber gestellt hat.
Mit dem Rücken zur Wand stehend, kehrt Nicolas Sarkozy den Hardliner heraus - im Ton wie in der Sache. Seinen sozialistischen Rivalen François Hollande bezichtigt er regelmässig als «Lügner». Seinen Innenminister Claude Guéant lässt er über die Überlegenheit der westlichen Zivilisation sinnieren. Dazu schlägt er zwei Volksabstimmungen vor, um Arbeitslose zur Annahme von Jobangeboten zwingen und Ausländer leichter abschieben zu können.
Der dezidierte Schwenker nach rechts hat zum Ziel, die Wähler von 2007 zurückzugewinnen und den Front National in Schranken zu halten. Ein Schwenker mehr für Sarkozy. Kaum ist er vom Sockel des Präsidenten gestiegen und einfacher Kandidat geworden, spielt er sich als Populist auf, der «das Volk gegen die Eliten» (so bei seinem letzten Wahlauftritt in Marseille) verteidigt. Zum Establishment zählt er nicht etwa sich selbst, sondern die Gewerkschaften - deren Sukkurs er jahrelang gesucht hatte. Noch früher, zu Beginn seines Mandats, hatte er sich auf die Seite der Unternehmer und Spitzenverdiener geschlagen. Dann predigte er plötzlich Marktregulierung und die «Neuordnung des Kapitalismus», bis ihn sogar Hugo Chávez im Klub der Sozialisten willkommen hiess. Eine Weile fand Sarkozy Gefallen am Umweltschutz, doch bald vergass er die versprochene CO2-Steuer wieder.
Die politische Sprunghaftigkeit des Präsidenten ist bekannt. Auffällig ist höchstens noch die Unverfrorenheit, mit der er seine Positionen wechselt. Mit einem fast schon unerhörten Culot warf der 57-jährige Gaullist in Marseille nicht sich selbst, sondern Hollande vor, ständig «das Gegenteil vom Vortag» zu predigen. Wie der Mittepolitiker François Bayrou darauf sagte, folgt Sarkozy offenbar dem französischen Ausdruck «plus c'est gros, plus ça passe» - je dicker man es bringt, desto eher geht es durch.
Heute hat Sarkozy aber ein Problem: Ça ne passe plus. Die Leute glauben ihm nicht mehr. Sie vertrauen ihm nicht mehr. Und das ist wohl das Verheerendste für einen Politiker, der sich zur Wiederwahl stellt.
Nur der Präsident selbst scheint das noch nicht gemerkt zu haben. Man muss schon ein politischer Autist ersten Grades sein, um zu übersehen, wie müde es die Franzosen sind, jede Saison einen «neuen» Präsidenten zu erleben - häufiger als der «Beaujolais nouveau» im November.
Diese Blindheit für die Stimmung im Land hat bei Sarkozy charakterliche Gründe - seine narzisstische Selbstüberschätzung, aber auch seine innere Zerrissenheit. Jacques Chirac war ebenfalls Gaullist, das heisst er hatte auch eine rechts-autoritäre und eine links-soziale Ader - und dazu das Talent, von einer zur anderen zu hüpfen. Doch er verhehlte das gar nicht, er meinte vielmehr mit entwaffnender Offenheit: «Nur die Dummen ändern nie ihre Meinung.» Sarkozy möchte hingegen die Welt (und sich selbst) davon überzeugen, dass er felsenfeste Prinzipien und Weltanschauungen hat – auch wenn er sie häufiger als das Hemd wechselt.
Die Franzosen nahmen ihm dies jahrelang ab, denn Sarkozy kann sehr überzeugend sein. Doch jetzt verfängt seine Masche nicht mehr. Seine ewigen Kurswechsel wecken nur noch Kopfschütteln und Ablehnung, und bei jedem neuen Versprechen, das der Präsident seiner Wählerschaft macht, kommt das Echo zurück: Warum hast du das nicht schon während der fünf Jahre im Elysée gemacht?
Sarkozy sitzt damit in der eigenen Falle: Tut er nichts, bleibt er abgeschlagen; unternimmt er etwas, wird er nicht mehr ernst genommen. Wird dem Zampano im Elysée dagegen noch etwas einfallen? Retten kann ihn nur noch eine richtige Heldentat. Keine blosse Maulheldentat.
05.05.2012 10:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 153 Leser
01.05.2012 10:37 UHR | 0 KOMMENTARE | 282 Leser
27.04.2012 13:15 UHR | 0 KOMMENTARE | 291 Leser
25.04.2012 17:56 UHR | 2 KOMMENTARE | 378 Leser
23.04.2012 15:05 UHR | 0 KOMMENTARE | 323 Leser
18.04.2012 16:36 UHR | 0 KOMMENTARE | 353 Leser
16.04.2012 10:11 UHR | 0 KOMMENTARE | 312 Leser
11.04.2012 19:17 UHR | 0 KOMMENTARE | 300 Leser
09.04.2012 17:09 UHR | 0 KOMMENTARE | 309 Leser
04.04.2012 14:51 UHR | 0 KOMMENTARE | 553 Leser
03.04.2012 14:49 UHR | 0 KOMMENTARE | 435 Leser
30.03.2012 20:20 UHR | 0 KOMMENTARE | 401 Leser
28.03.2012 14:34 UHR | 0 KOMMENTARE | 401 Leser
25.03.2012 16:32 UHR | 0 KOMMENTARE | 492 Leser
19.03.2012 10:15 UHR | 0 KOMMENTARE | 408 Leser
16.03.2012 10:40 UHR | 0 KOMMENTARE | 549 Leser
12.03.2012 10:43 UHR | 0 KOMMENTARE | 375 Leser
08.03.2012 19:56 UHR | 0 KOMMENTARE | 519 Leser
07.03.2012 15:08 UHR | 0 KOMMENTARE | 544 Leser
02.03.2012 13:36 UHR | 0 KOMMENTARE | 574 Leser
Was halten Sie von diesem Aritkel? Schreiben Sie in einem Kommentar Ihre Meinung dazu!
neuen Kommentar schreiben...