Was eigentlich passiert, wenn keiner der Kandidaten die 1144 Delegierten-Stimmen gewinnen kann, die er für eine Mehrheit beim Nommierungs-Parteitag der Republikaner in Tampa benötigt?
Dann bricht erstens Panik beim Establishment aus, das sein ganzes Gewicht hinter Mitt Romney geworfen hat. Einen Kandidaten, der es einfach nicht schafft, den Pakt mit der weit nach Rechts gerückten Basis zu besiegeln.
Und zweitens Freude bei den Reportern, die erstmals seit 1976 wirklich etwas von der “Convention” zu berichten hätten. Nicht bloß die übliche Stilkritik einer Woche mehr oder weniger gut inszenierten politischen Theaters.
In Vorfreude auf politische Chaos-Tage in Tampa spielen die Medien die Möglichkeit einer “brokered” oder “contested” Convention hoch. . Die beiden denkbaren Varianten, falls keiner der Kandidaten mit einer eigenen Mehrheit zum Parteitag kommt. “Brokered” wäre die Entscheidung, wenn mächtige Parteibosse eine Alternative aus dem Hut zauberten und diese zur Wahl stellten. Zum Beispiel Jeb Bush, Chris Christie oder Marco Rubio, um nur ein paar Namen zu nennen. Sarah Palin bot sich kürzlich via Ihrem Haussender FOX an, als “Weiße Ritterin” auszuhelfen. “Ich täte, was immer nötig wäre, zu helfen…”
Karl Rove, der ehemalige Strippenzieher George W. Bushs, hält dieses Szenario für ganz und gar unwahrscheinlich. “Ist es realistisch zu glauben, dass Millionen Republikaner, die bei den Vorwahlen ihre Stimme abgegeben haben, glücklich wären, wenn ihr Bannerträger die meisten oder alle Primaries ausgelassen hat?”, fragt er in seiner Kolumne für das Wall Street Journal. Wohl kaum. Obwohl laut einer aktuellen Gallup-Umfrage sage und schreibe 55 Prozent aller Republikaner sagen, sie wünschten sich einen ganz anderen Herausforderer Obamas als die vier Leichtgewichte, die zur Wahl stehen.
Viel wahrscheinlicher scheint die zweite Variante einer “contestet Convention”. In diesem Fall versuchten die verbliebenen Kandidaten in mehreren Wahlgängen einander Delegierte abzujagen. Die Verhandlungen im Hintergrund führten nicht Parteibosse, sondern die Wahlkämpfer selbst. So etwas gab es zuletzt 1976 als Gerald Ford den ersten Anlauf Ronald Reagans auf die Nominierung zunichte machte.
Rove versucht diese sehr realistische Perspektive herunterzuspielen. Er glaubt, nach dem Super-Dienstag werde das Feld auf zwei zusammenschrumpfen, und einer der beiden verbliebenen Kandidaten werde immer mehr als die Hälfte der Delegierten holen. “Wenn ein Kandidat einmal anfängt zu gewinnen, gewinnt er erfahrungsgemäß weiter”, prophezeit der Hexenmeister Bushs.
Das hatten Romneys Spinmeister schon nach Iowa und New Hampshire glauben machen wollen. Nur leider spielte die Basis nicht mit. Die von der Tea-Party und christlichen Fundis dominierten Konservativen sind so weit nach rechts gerückt, dass Moderate wie der Ex-Gouverneur aus Massachusetts echte Probleme haben, eine Mehrheit zu finden. Wer nur gelegentlich unterwegs im Wahlkampf mit den Wählern spricht, wird das sehr schnell feststellen.
Selbst wenn Rove Recht behielte, dauerte es mindestens bis Ende Mai ehe einer der Kandidaten rechnerisch in Reichweite einer Mehrheit wäre. Wie wahrscheinlich das nach der bisherigen Achterbahnfahrt ist, bleibt dahingestellt.
Präsident Obama kann das Geschehen gelassen abwarten. Denn anders als sein Zweikampf mit Hillary, der ohne tiefe persönliche Verletzungen verlief, mögen sich die vier republikanischen Gockel nicht. Sie machen sich mit fast ausschließlich negativer Wahlwerbung gegenseitig nieder. Egal wer am Ende aufs Schild gehoben wird, hat schon vor Beginn der heißen Phase im Rennen um das Weiße Haus so hohe Negativwerte, das Obama nicht mehr viel dazutun braucht. Besser könnte die Ausgangslage für den Amtsinhaber nicht sein als eine bis aufs Messer zerstrittene Opposition.
Eine “brokered” oder “contested” Convention wäre der krönende Finale des Schlachtfests einer realitätsentrückten Retro-Partei, die nur durch ihren Hass auf Obama zusammengehalten wird, aber jede positive Vision vermissen lässt.
09.11.2012 05:41 UHR | 1 KOMMENTARE | 4,938 Leser
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