Claudio Candinas – Churer, Mitzwanziger, Pendler, Schuhsammler und nicht zuletzt Blogger. Hier berichtet das Mitglied der Bündner Rap-Grösse Breitbild exklusiv und wöchentlich über Unerhörtes aus dem Alltag.

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Mit Nadeln gegen Konfetti

Oh wie ich sie hasse, die Fasnacht in Chur. Ja, ich stehe dazu – ich kann mich herzlich wenig für die fünfte Jahreszeit erwärmen. Zumindest nicht in dieser Stadt. Ich durfte mittlerweile mehrere Jahre den Fasnachtsumzügen im Kanton Schwyz beiwohnen, welche sich wirklich gewisser Traditionen rühmen dürfen.

Dort werden Kindern bereits in der Schulzeit gewisse Verhaltensregeln bei allfälligem Auftauchen als Hexen verkleideter Fasnächtler beigebracht, damit es anstelle einer Zurechtweisung mit dem Besen ein paar Süssigkeiten gibt. Dort wird brav am Strassenrand gewartet bis die schätzungsweise 20 Guggenmusik-Gruppen und Fasnachtscliquen vorbeimarschiert sind. Nicht dass mich diese Art von Fasnacht nun irgendwie bekehrt hätte, doch immerhin konnte ich dort eine gewisse Kontinuität über all die Jahre erkennen.

In Chur beschränkt sich die Vorbereitung – so wie ich es sehe – auf den samstag-morgendlichen Kauf einer PVC-Maske (Sujet zweitrangig; man nimmt, was es noch hat) gefolgt vom hastigen Herauskramen der Kostüme der letzten Schlagerparade. Kurz noch Mutters Perücke aufgesetzt und fertig ist das Outfit des durchschnittlichen Churer Fasnachtbesuchers.

Ich weiss, dass ich mit diesen Worten wohl den Hass einiger eingefleischter Churer Fasnächtler auf mich ziehe, aber sind wir ehrlich, 80 Prozent der Menschen, welche man am närrischen Wochenende antrifft, sehen aus wie eine schlechte Kopie einer schlechten Persiflage des schlechten Geschmacks. Ich habe kein Problem mit der Fasnacht an sich. Nein, ich finde es sogar schön, gibt es einen Anlass, an welchem sich Menschen komisch kleiden und dabei sogar Spass haben können – einen Anlass wie die frühen Neunzigerjahre sozusagen.

Und diesen Spass mag ich den Menschen gönnen, denn ich sehe sie gerne lachen. Nur schaue ich den Menschen dabei lieber in die Augen, womit wir beim nächsten Klassiker wären: Den maskierten «Hey, waisch nid wer i bin»-Lallern. Bewaffnet mit Konfettibeutel und Alkoholfahne stehen sie urplötzlich da und möchten wissen, ob man sie denn hinter ihrer Maske nicht erkennt. Bejaht man, wird die Frage schätzungsweise noch zwei mal wiederholt, verneint man, gibts eine Hand voll Konfetti ins Gesicht. Zum Glück bleibt die Hälfte der Papierschnipsel dabei oft an der im Vorfeld unfreiwillig vollgereierten Hand­fläche des Werfers kleben, was zuhause zu weniger Staubsaugereinsatz führt.

Sollte man jedoch das grosse Los gezogen haben, nicht auf eine dieser liebreizenden Kreaturen getroffen zu sein, empfiehlt sich, sein Glück nicht weiter herauszufordern und den direkten Heimweg anzutreten. Denn die Chance, irgendwo erwachsene Menschen, zu denen man jahrelang hochgeschaut hat, in extrem erniedrigenden Situationen anzutreffen, ist relativ hoch. Und es gibt Bilder, die man schlicht und einfach nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Daher habe ich mich bei Jacqueline in der Oberen Gasse einquartiert, um etwas zu tun, was mich weniger schmerzt als Fasnacht: Ich liess mich tätowieren.

  • Datum: 20.02.2012, 16:58 UHR
  • Webcode: 1360630

 

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