Wer sich ernsthaft mit der Natur beschäftigt, gerät immer wieder ins Spannungsfeld Natur–Mensch. Ist der Mensch ein Teil der Natur oder hat er sich mit seiner Kultur und Technik bereits aus ihr verabschiedet? Diese Fragen beschäftigen Jürg Paul Müller als Biologe seit Jahr und Tag. Im Blog nimmt er Sie in seine Gedankenwelt mit. 

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Mein Misthaufen – ein Hotspot der Biodiversität

Als Biologe und Kleinstbauer bin ich richtig stolz auf den Misthaufen hinter meinem Stall. Hier lagere ich den Mist der beiden Esel und der sieben Hühner. Wenn er so richtig reif für den Abtransport in den Garten ist, wimmelt es in ihm nur so von Kleinlebewesen wie Springschwänzen, Milben und Regenwürmern.

Kürzlich entdeckte ich beim Mistladen eine wunderschöne Blindschleiche. Auch drei Feldspitzmäuse hatten in einer Ecke ein warmes Nest eingerichtet und wurden von mir nun gestört. Sie hatten trotz der strengen Kälte einen angenehmen Winter verbracht. Im frisch ausgebrachten Mist waren zuerst Bakterien an der Abbautätigkeit, welche die Temperatur auf bis zu 70 Grad Celsius ansteigen liessen.  Diese Wärme verbreitete sich bis ins Nest der Feldspitzmäuse! Im älteren Teil des Misthaufens, wo die Bakterien ihre Arbeit bereits getan hatten, wimmelte es nun von Kleintieren. Besonders die fleischigen Regenwürmer waren eine gute Beute für die Spitzmäuse, welche reine Fleischfresser sind.

Jetzt muss ich aber etwas richtig stellen. Mein Misthaufen ist eigentlich ein Mistkompost. Hier wird der Mist nicht in einer Betongrube gesammelt, wo er nicht verrottet, sondern sehr feucht bleibt. Wird nicht verrotteter Mist auf Äcker, Wiesen und Weiden ausgebracht, so stinkt es kräftig. Da er nicht erhitzt wurde, sind Krankheitserreger und Unkrautsamen auch nicht abgetötet worden. Im Übrigen haben neuere Untersuchungen nachgewiesen, dass der Mist durch die Kompostierung auch in seinem Düngerwert verbessert wird. Warum ich das alles erzähle? Weil man alles tun sollte, um die Biodiversität zu fördern! Denn Vielfalt ist ein Grundprinzip und eine Grundlage allen Lebens.

Der Bundesrat bereitet zurzeit die «Strategie Biodiversität Schweiz» vor. Sie  beschreibt, wie die Vielfalt an Lebensräumen, Arten und die genetische Variabilität langfristig gesichert werden sollen. Es gibt viele Möglichkeiten, die Biodiversität zu fördern. Eine grosse Aufgabe hat diesbezüglich die Landwirtschaft. Natürlich wollen die Landwirte vor allem produzieren. Dies ist im Interesse der Versorgungssicherheit des Landes. Neben ökonomischen müssen aber auch ökologische Aspekte wie die Biodiversität und die Energieeffizienz berücksichtigt werden. Dafür wird die Landwirtschaft auch in Zukunft entschädigt.

Was ist zu tun? Es geht nicht darum, zur «guten alten Zeit» zurückzukehren. Aber man muss auch nicht alles total umkrempeln. Oder um zum Beispiel des Misthaufens zurückzukehren: Nur mit der Mistgabel kommt ein Grossbauer nicht zum Ziel. Er benötigt einen Hoflader und weitere Geräte, um einen grossen Mistkompost anzulegen, der die höchsten Ansprüche an die Biodiversität erfüllt. Von Zeit zu Zeit muss er aber von seiner Maschine heruntersteigen und genau beobachten, was in diesem Misthaufen alles vor sich geht. Denn Landwirtschaft kann man nur mit und nicht gegen die Natur betreiben.

  • Datum: 03.05.2012, 00:00 UHR
  • Webcode: 2209889
 

 

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