Plötzlich wache ich auf. Neben mir sehe ich einen Jungen, wohl nicht älter als acht, neun Jahre, fröhlich umherrennen und «Tor, Tor!» rufen. Nicht weit von ihm entfernt steht ein Mann, sehr wahrscheinlich sein Vater, zwischen zwei Rucksäcken und freut sich mit seinem Sohn.
Ich befinde mich auf einer Wiese, neben mir mein Schulsack und vor mir der im Licht der Sonne wunderbar schillernde See von St. Moritz. Trotz des Herbstes ist es ein ungewöhnlich warmer Tag, einer von diesen Tagen, an welchen man nicht einfach zu Hause bleiben kann.
Ich blinzle noch ein paar Mal, dann erkenne ich das Buch auf meinem Bauch und lasse den Kopf sofort wieder auf den weichen Rasen fallen. «Ich muss ja noch Mathe lernen!», denke ich nach einem weiteren Blick auf das Mathematikbuch. Kurz wende ich mich noch dem See zu, beobachte das fast unwirklich erscheinende Lichtspiel des Wassers, welches ein eigenartiges Gefühl von Ruhe und Gelassenheit auszusenden scheint.
Und da, als meine Gedanken beginnen, sich von dieser Ruhe dominieren zu lassen, erscheinen mir plötzlich die Bilder von reissenden Strömen, von Menschen, die diesen verzweifelt zu entkommen versuchen. Immer wieder werden leerstehende Wagen von den Strömen erfasst, treiben durch die Gassen und Strassen, umgeben von beschädigten Hochhäusern und Läden, bis sie schliesslich durch andere Wagen oder Hausmauern zum Stillstand gebracht werden. Es sind die Bilder von Bangkok, welche ich am letzten Abend in der «Tagesschau» gesehen habe und die aufzeigen, wie machtlos der Mensch noch immer gegen Naturkatastrophen solchen Ausmasses ist. Auf einmal bin ich an einem ganz anderen Ort, vor mir Tausende von syrischen Demonstranten, welche den Rücktritt Assads fordern. Vereinzelt nehme ich Schüsse war, ob sie ein Ziel finden, weiss ich nicht.
Etwas stösst gegen meinen Kopf, holt mich aus meinen Gedanken und lässt mich hochschrecken. Neben mir liegt ein Fussball, trotzdem betrachte ich ihn wie etwas noch nie zuvor Gesehenes. Bald erscheint der Junge, entschuldigt sich kurz und verschwindet wieder.
Mein Blick fällt erneut auf das Mathebuch. Ich nehme es in die Hand, schaue es an, vergleiche es mit den kurz zuvor gesehenen Bildern und sage kaum hörbar: «So schlimm ist Mathe doch nicht.»
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