Der Morgendunst liegt noch schwer über den Tessiner Feldern, doch der Tag verspricht einiges. Stahlblauer Himmel, die Wälder duften leicht nach Kastanien. Seelenruhig streunen mein Bergsteigerkollege Mäthu und ich durch die Gassen der Altstadt Locarno. Eingehüllt in dicke Mäntel flanieren etliche Leute über die belebten Piazzas – an jeder Ecke pulsiert das Leben.
Trotzdem zieht es uns am Mittag weg von jenem pulsierenden Leben, weit weg in die rauen Täler des Tessins.
Der Weg führt uns durch das verlassene Valle Bavona nach Sonlerto, ein kleines Bergdörfchen in der Stille der Natur. Dass Sonlerto während des Winters nicht bewohnt wird, unterstreicht die Einsamkeit. Schnell ist das Material sortiert und wir stehen vor der eindrücklichen Wand. Dies ist nicht mein erster Anlauf in dieser äusserst steilen Wand, doch bald schon lässt sich die Sonne von den umliegenden Bergen verschlucken. Verbrannte Nudeln im Jetboil-Kocher, die folgende Nacht im engen Auto wird eiskalt.
Aufgrund der erstaunlich hohen Luftfeuchtigkeit ist am Morgen alles von weissem Raureif bedeckt. Uneingewärmt bei diesen Bedingungen in ein solch schwieriges Projekt einzusteigen, muss doch nicht sein? So fahren wir kurzentschlossen nach Ponte Brolla, wo steile Leistenkletterei per excéllence auf uns wartet. Trotz der wunderbaren Morgensonne verletze ich mir jedoch zwei meiner Ringbänder. Für heute ist erstmal Schluss. Nächste Station Wallis. Nach einer Nacht in Visp trainieren wir an einer überhängenden Holzwand über einer geneigten Felswand mit unseren Pickeln.
Es ist Samstagmorgen, in der frühen Morgenstunde brechen wir ins Mont-Blanc-Gebirge auf. Heute soll in Sallanches, nahe der Welthauptstadt des Bergsteigens Chamonix, ein internationales Eisklettertreffen stattfinden. Eine Horde wilder Eiskletterer aus aller Welt trifft sich also, um an ihren Eisgeräten zusammen zu trainieren und zu fachsimpeln. Ein lustiger Tag geht zu Ende. Am Abend feiern wir den Geburtstag eines Kletterkameraden in Bern, das gehört ja auch mal dazu.
Montags packe ich bei bestem Herbstwetter meinen Rucksack und gelange per Mountainbike in 45 Minuten zu meiner Trainingsroute. Zum Einklettern quere ich zuerst auf Absprunghöhe einen überhängenden Wandteil. Meine Gedanken sind heute jedoch nicht fokussiert wie sonst immer, wenn ich alleine unterwegs bin. Plötzlich bricht mein Pickel aus und ich stürze. Der Fall ist zum Glück nur wenig über dem Boden, jedoch bohrt sich die scharfe Haue meines Eispickels unter meinem Knie in meinen Muskel. Ich versuche, mit meinem Bike vor der Dunkelheit ins Tal zu kommen, stürze aber zu allem Übel noch zweimal auf mein verletztes Knie. Die Wunde ist sehr klein, aber tief. In der ersten Nacht mache ich kaum ein Auge zu, jede Stelle meines Körpers schmerzt.
Beim Arzt erfahre ich schliesslich, dass sich die Stichverletzung nicht entzünden sollte, dass allerdings einige Muskelstränge am Knie geprellt sind. Ich humple jetzt wie ein Irrer durch Chur, aber von Tag zu Tag wird es besser und ich denke bereits wieder ans Klettern. Nochmals Glück gehabt =)

07.07.2012 00:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 2,751 Leser
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