Das Band an seinem Handgelenk färbt sich rot, als eine kleine Frau ins Wartezimmer tritt und ihn hereinbittet. Dies ist normal, immer wenn er aufgeregt ist, beginnt die Wunde an seinem Puls wieder zu bluten und hört dann nach ein paar Minuten wieder auf. Noch am Tag vorher hat ein Arzt ihm erzählt, dass dies gefährlich wäre, es könne sich entzünden.
Der junge Mann hat ihm das aber nicht geglaubt; diese Verletzung hat er schon seit Monaten, und Momente des Unbehagens und Unruhe hat er während dieser Zeit auch genügend gehabt. Ohne Entzündung. Er tritt ein in das stickige Zimmer, verzweifelt versuchen einige Raumdüfte den Gestank verbrauchter Luft zu beseitigen. Hoch oben hat es irgendwo noch ein Fenster, nur so als Dekoration und Lichtspender, öffnen kann man es nicht. Aber vielleicht zerbrechen.
Der Mann setzt sich auf einen Stuhl, vor ihm eine Panzerglasscheibe, dahinter ein dicklicher Mann, offensichtlich ein Beamter.
«Name?», fragt dieser, der Junge antwortet: «Issam Dawud.»
«Herkunft?» «Libyen.»
«Gesuchsgrund?»
Der junge Libyer zögert, der Beamte wiederholt noch einmal:
«Gesuchsgrund?»
«Ich habe während der Revolution für Diktator Gaddafi gekämpft. Nun fürchte ich um mein Leben, die Rebellen wollen Rache an all jenen nehmen, welche ihre Leute getötet haben. Bis keine richtige Regierung steht, kann ich dort nicht bleiben.»
Der Beamte schaut ihn an, Misstrauen und eine Spur Langeweile in seinem Blick. Skepsis scheint bei ihnen die Faustregel zu sein: «Haben Sie denn ihre Leute getötet?» «Nein, um Gottes Willen!» Die Wunde hat noch immer nicht aufgehört zu bluten, der Verband ist mittlerweile dunkelrot geworden.
«Nein, ich habe nur eine Schlacht für Gaddafi gekämpft, in Ras Lanuf. Danach wurde ich ins Lazarett nach Tripolis gebracht, weil eine Mine gleich neben unserem Konvoi explodierte. Nur ich und ein flüchtig bekannter Soldat haben überlebt.»
Unerträgliche Hitze leistet nun der widerlichen Luft Gesellschaft, will den jungen Mann erdrücken, während das Handgelenk schmerzhaft zu brennen beginnt. Der Beamte notiert sich etwas auf einem Blatt, dann fährt er fort: «Haben Sie Familie im Land oder in Libyen, welche auch um Asyl beten wird?»
In der jungen Brust des Mannes beginnt das Herz heftig gegen die Rippen zu schlagen, Schweiss vermischt mit Tränen rinnen sein Gesicht hinunter, leise schluchzt er auf. «Mein Herr», beginnt wieder der Dicke, doch der Libyer unterbricht ihn: «Sie sind tot, Meister. Während meiner Genesungszeit in Tripolis wurde meine schwangere Frau von einer verirrten Bombe des Regimes getroffen, Gott möge den alten Tyrannen brennen lassen! Sie wollte mich besuchen kommen, kurz bevor die Rebellen einmarschiert sind …»
Er fasst sich ans Herz, schmerzend, blutend, weinend. Der Verband gleicht einem roten Seidentuch. «Diese Wunde habe ich mir auf der Überfahrt nach Lampedusa geholt. Das Schiff kenterte, Eisenstücke zerbrachen und schnitten mir beim Fallen den Puls auf. Ich dachte, ich würde entweder verbluten oder ertrinken. Aber jemand rettete mich, im Laderaum eines Lastwagens kam ich in die Schweiz. Der Doktor sagt, es werde sich entzünden.»
Seine Hände zittern jetzt, wie damals, als er umgeben gewesen war von den verwesenden Leichen seiner Kameraden, und sein Gegenüber schaut ihn an. Er schaut ihn nur an, wie einen Gegenstand, keine Gefühle im Gesicht, starr. Aber seine Augen glitzerten, er würde bald weinen müssen. «Es gibt neue Bestimmungen für die Asylsuchenden, ich muss nachfragen, aber eigentlich müsste ich Sie ausweisen. Es tut mir leid, aber suchen wir jetzt erst einmal einen kompetenten Arzt.»
20.02.2013 01:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 2,656 Leser
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