Es ist Mitte Juni, genauer gesagt der 12. Juni, und wir machen uns auf von St. Moritz an die Art nach Basel. Wir sind der Jahreszeit entsprechend sommerlich gekleidet – Bluse, Ballerinas, leichter Regenmantel. Kurz nach 8 Uhr fahren wir dem Julier entgegen – mit Sommerreifen.
Es erwischt uns kalt, je näher wir der Passhöhe kommen, Regen wird zu Schneeregen, zu Schnee, der mehr und mehr auf der Strasse liegen bleibt. Kein gutes Gefühl. Optimistisch gehen wir davon aus, dass es wohl auf der Nordseite besser, wärmer ist und wir, solange wir den Asphalt sehen, schon runter kommen werden.
Es ist jedoch ganz anders. Der Schneefall wird dichter, und vor uns liegt eine weisse Rutschbahn. Im ersten Gang und im Schritttempo schleichen wir behutsam den Berg hinab. Doch schneit es nun noch stärker. Kurz darauf sitzen wir regelrecht in einem Schlitten, der sich ohne unser Zutun seinen Weg nach unten sucht. Kurz vor der neuen kleinen Brücke über die Julia – zwischen Passhöhe und Bivio – kommen wir dank aufgeschütteter Erde am Strassenrand zum Stehen. Glück gehabt!
Zum Ausruhen kommen wir kaum. Im Rückspiegel beobachte ich, wie langsam aber sicher ein Audi in uns reinschlittert und – dadurch abgebremst – einige Meter weiter endlich zum Stehen kommt. Es ist eine ganz schöne Rutschpartie, und mittlerweile befinden wir uns in einem Schneesturm, von dem man im letzten Winter nur so träumen konnte.
Wir stapfen durch das weisse Nass, das mittlerweile 20 Zentimeter hoch auf der Strasse liegt und sichtbar wächst. Wir machen Bekanntschaft mit verschiedenen Leidensgenossen, schauen die Blech-Blessuren an und ziehen uns zurück in das noch warme Autoinnere. «Unser» Audi-Fahrer ist übrigens ein echter Engadiner Steinbock, und die Steinböcke und Steingeissen des Engadins halten bekanntlich zusammen. So gibt es jedes Jahr Anfang Januar eine Herden-Zusammenkunft aller im Zeichen des Steinbocks Geborenen – quasi eine riesige Geburtstagsparty. Steinbock und von diesem Fest nichts gewusst? Dann unbedingt melden!
Weiterhin optimistisch wollen wir – mit all den anderen am Strassenrand Gestrandeten – das Ende dieses heftigen Schneefalls abwarten. Einige zaubern Schneeketten aus dem Kofferraum, manche versorgen diese frustriert wieder, weil sie die Trockenübung zu Hause nicht gemacht haben. Nach gut zwei Stunden wird der Julierpass gesperrt – nur noch Fahrzeuge mit Winterausrüstung können passieren. Ein Schneepflug bahnt ihnen den Weg, die Strasse ist nach wenigen Minuten wieder weiss.
Wir werden nach drei Stunden vom Pannenservice aus unserer misslichen Lage befreit, lassen unseren Wagen bei dem kleinen Brücklein zurück und fahren nach Tiefencastel. Unser Glück im Unglück feiern wir am nächsten Tag im «Ospizio la Veduta» mit hausgemachten Rhabarber-Kuchen und entdecken, dass wir hier noch öfters einen Halt einlegen sollten, da wird Gastfreundschaft gelebt – bei jedem Wetter!
22.05.2013 00:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 162 Leser
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