Das Engadin entwickelt sich in den Wintermonaten zu einer Pilgerstätte von Liebhabern moderner Kunst. Im Februar laden zahlreiche Galerien zur Eröffnung ihrer neuen Ausstellungen. Der Galerie- Parcours dieser Wintersaison zwischen St. Moritz, Zuoz und S-chanf geht in die zweite Runde. Die präsentierten Künstler sind bereits in der Szene etabliert, die Ausstellungen inklusive Hängung, Einladung und Informationsmaterial perfekt organisiert, der Champagner für das kauffreudige Publikum kalt gestellt.
Ein Kontrastprogramm hat derzeit Samedan zu bieten, wo man vor ganz junger Kunst von tatsächlichen Newcomern steht. Das Abenteuer beginnt schon bei der richtigen Kleiderwahl: Man sollte sich warm anziehen und festes Schuhwerk wählen, wenn man sich zur Ausstellung «Irbis 12» in Samedan aufmacht. Irbis heisst Schneeleopard: eine in Hochgebirge lebende Grosskatze, die vom Aussterben bedroht ist. Die Namenswahl für die Ausstellung verwirrt, vermittelt aber auf jeden Fall, dass es kalt werden könnte. Denn die Schau findet draussen im Schnee auf dem Hof der Chesa Planta statt und ist schon dadurch aussergewöhnlich. Schneewände umschreiben offene Ausstellungsräume, in denen Werke von zehn jungen Künstlern präsentiert werden, darunter ein in Fett gegossenes Profil der Oberengadiner Tallandschaft – auf einem Schneesockel präsentiert – einen in Eis eingeschlossenen Hasen und eine Videoarbeit, die auf Schnee projektiert wird.
Auskunft über das Ausstellungsprojekt, die beteiligten Künstler und die ausgestellten Arbeiten sucht man vergebens: Beschriftungen oder eine Ausstellungsliste sind nicht vorhanden. Zu entdecken sind jedoch neben den einzelnen Werken angebrachte Pixelcodes, die man – wer sich technisch auf neuestem Stand bewegt – mit seinem Smartphone oder iPad einscannen kann. Nach dem Scannen gelangt man zu «Gartget», eine eigens für diese Ausstellung konzipierte App. Leider ist auch Gartget erklärungsbedürftig: die Wortschöpfung setzt sich aus «gadget», was auf Englisch Zubehörteil bedeutet, und «art» für Kunst zusammen. Mit diesem Werkzeug kommt man einer Auskunft über Künstler und Werk schon etwas näher. Angekommen ist man aber noch nicht. Denn die Schnitzeljagd beginnt mit dem App. Im wahrsten Sinne des Wortes muss man sich durch einzelne molekül-artig aussehende Konstruktionen durchtasten, die jeweils einzelne Photos oder Texte preisgeben. Orientierung findet man kaum, eher bewegt man sich in einem schwerelosen Raum, in dem man greift, was man zu fassen bekommt.
Und ja: Es wirkt recht konstruiert, und das ist Programm. Veranstalter der Ausstellung ist der Verein «Kunstruiert» unter der Leitung von Alejandro Roquero, der in Hamburg und Basel zu Hause ist. Die Mitglieder haben sich unter anderem zum Ziel gesetzt, neue Kunstvermittlungskonzepte in Theorie und Praxis vorstellen. «Dafür braucht es gemeinnützige Projekte mit Vorbildcharakter, die ungewöhnliche Sichtweisen präsentieren, um die Vielfältigkeit unserer menschlichen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen», heisst es dazu auf der Internetseite.
Ob diese Form der Vermittlung von Kunst funktioniert, prüft der Verein mit einer Umfrage bei den Ausstellungsbesuchern. Die Frage, die sich allerdings stellt, ist, ob diese Art der Vermittlung nicht vom Ausdrucksgehalt der präsentierten Werke ablenkt und wegführt, ob hier wirklich ein Zugang zur Kunst geschaffen wird oder eher ein Spiel mit technischen Hürden, welche Zielgruppen mit diesem Ausstellungskonzept angesprochen werden sollen und nicht zuletzt, ob die Kunst eigentlich überhaupt eine Erklärung braucht. Der Kunsthistoriker und Satiriker Ephraim Kishon beantwortet letzteres sehr pointiert, in dem er sagt: «Heute kann man kein ausstellungsreifes Bild mehr verstehen, ohne vorher eine zwanzigseitige Broschüre studiert zu haben. Das Bild selbst ist nur mehr Illustration eines tief philosophischen Essays,» (E. Kishon: Picasso war kein Scharlatan. Randbemerkungen zur modernen Kunst, Berlin 1989). Vielleicht führt uns der Schneeleopard von Samedan ja wieder zurück zur Kunst?

Irbis 12, Hof der Chesa Planta, Samedan Bis 2. März 2012
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