Liebe Leserin, lieber Leser
Noch im letzten Blog-Eintrag habe ich im Brustton der Überzeugung die Frage als absurd abgetan, was es denn koste, damit ein Journalist etwas über diese oder jene Firma, dieses oder jenes Thema schreibe.
In aller Naivität habe ich erklärt, dass wir Lohnbezüger sind und also vollkommen unbestechlich. Schon zwei Tage später wurde ich Lügen gestraft.
Die Zeitung «Sonntag» enthüllte, dass ein Zürcher Unternehmer «Topjournalisten» dafür entlöhne, dass sie an seine Medienanlässe kommen. Denn dort warten Kader aus der Reisebranche, die 3000 Franken bezahlen, um «Topjournalisten» kennenzulernen. Der Unternehmer nennt den Obolus von 500 Franken «Kostenpauschale». Ich nenne das einen Korruptionsversuch – der in mehreren Fällen erfolgreich war.
Die Geschichte warf zu Recht hohe Wellen – und sie zog weitere Enthüllungen aus den Abgründen unserer Branche nach sich: In Uri schreiben Journalisten nicht nur über Investor Sawiris, sondern im Nebenamt auch für den Ägypter, der Andermatt neu baut. Und im Kanton Aargau können sich Grossratskandidaten im redaktionellen Teil einer Lokalzeitung wohlwollend porträtieren lassen – gegen Bezahlung.
Die Frage, die mich so schockiert hat, ist also nicht aus der Luft gegriffen. Und das schockiert mich noch mehr. Natürlich, wir sind keine Heiligen. Wir lassen uns schon mal zu einem Bier oder auch zu einem Znacht einladen – wenn es in Ausübung unseres Berufs geschieht. Ich selbst habe – man könnte sagen: stufengerecht – schon von eigentlich grenzwertigen Angeboten profitiert. So habe ich eine Einladung für mich und meine Frau für ein Wochenende in einem Luxushotel angenommen. Die Absicht der Betreiber, mit denen unser Verlag immer wieder zusammenarbeitet: mir den Betrieb vorzustellen, die Angebotspalette, die Kundenstruktur – und natürlich die Wichtigkeit des Hauses für die Region. Wäre der Zweck gewesen, das Hotel in der Berichterstattung gegenüber der Konkurrenz vorzuziehen, kann ich reines Gewissens sagen: Ziel verfehlt. Ich bin auch regelmässig zur Eröffnung des Humorfestivals in Arosa eingeladen, inklusive Übernachtung im 5-Stern-Haus. Deswegen wird die Kritik an einer misslungenen Aufführung nicht milder. Den Gegenwert, den ich – abgesehen von den gewährten Vorteilen – erziele, sind Kontakte, Gespräche und Geschichten. Kurz: Ich kann an solchen Anlässen Quellen erschliessen, die uns ansonsten nicht zugänglich wären.
Die redaktionsinterne Regelung ist klar: Mehr als eine Flasche Wein oder ein anderes Kleingeschenk im Wert von allerhöchstens 100 Franken darf eine Redaktorin, ein Redaktor nicht annehmen. Und Geldgeschenke sind sowieso tabu. Wenn jemand eine Podiumsdiskussion leitet oder als Dozent angeworben wird, sieht die Sache etwas anders aus: Macht er es in der Freizeit (inklusive Vorbereitung), darf er sich entlöhnen lassen – nach vorgängiger Absprache mit der Chefredaktion (die auch für Schreibaufträge ausserhalb des eigenen Hauses vonnöten ist). Ich selbst halte es so, dass ich überall dort, wo ich als «Aussenminister» die Zeitung repräsentiere, nichts annehme. Vorträge, bei denen ich den Zuhörerinnen und Zuhörern unser Produkt, den Verlag und die Branche näherbringen kann, sind prinzipiell gratis. Zumal ich die Texte dann hier zweitverwerten kann. Wenn ich aber für Schulungen angefragt werde, bei denen mein Fachwissen im Vordergrund steht und nicht mein Job, und diese in meiner Freizeit stattfinden, bin ich für eine kleine Unkostenentschädigung durchaus dankbar. Sie wird grösstenteils ins nächste Redaktionsfest investiert.
Obwohl ich für meine Redaktion die Hand ins Feuer lege, eine ziemlich dunkelgraue Zone gibt es bei uns, wie bei fast allen Zeitungen, auch: die Auto- und Tourismusberichte. Da wird man eingeladen, das neue Modell XY in Marokko probezufahren, inklusive Hinflug im Learjet, Übernachtung im Luxus-Riad, Gourmet-Menü und Abschiedsgeschenk. Dort wird man mit einem tollen Ferienangebot bekannt gemacht, herumgeführt und eingeseift – selbstverständlich unverbindlich und ohne die journalistische Unabhängigkeit zu tangieren. In Tat und Wahrheit hat man nach so einer Behandlung automatisch Skrupel, ein Auto total auseinanderzunehmen oder ein Reiseangebot in Grund und Boden zu schreiben. Aber man muss auch nicht in Jubel ausbrechen. Und das tun wir auch nicht. Wir schildern möglichst objektiv und distanziert. Und wenns wirklich schlimm und nicht zu empfehlen ist, auch mal gar nicht.
Damit wenigstens klar ist, auf wessen Einladung wir diesen Autotest durchgeführt und jene Reise absolviert haben, werden wir das ab sofort am Ende des jeweiligen Textes deklarieren.
Ansonsten müssen Sie uns eben weiterhin vertrauen. Wir haben es verdient. Wenigstens das …
18.05.2013 00:00 UHR | 1 KOMMENTARE | 637 Leser
06.05.2013 14:38 UHR | 0 KOMMENTARE | 857 Leser
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17.09.2012 15:43 Uhr
GAV
Verwunderlich diese Bestechung? Nein, ohne GAV kommen die Ideen.