Liebe Leserin, lieber Leser
Willkommen im neuen Jahr, das ja gleich mit einem medialen Paukenschlag begonnen hat! Die Affäre um Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand ist ein Lehrstück in Sachen Journalismus.
Unbesehen davon, wie die längst nicht ausgestandene Hildebrand-Geschichte ausgeht, lässt sich doch ein erstes Fazit ziehen: Journalisten sind auch nur Menschen. Sie sind verführbar, sie lassen sich einseifen und sie neigen zur Selbstgerechtigkeit. Selbstverständlich gilt das längst nicht für alle und auch für die Betroffenen nicht absolut. Aber die ganze Causa Hildebrand hat wieder einmal deutlich gemacht, wie einfach sich Medien instrumentalisieren lassen, wenn nur die Schlagzeile genügend Aufmerksamkeit verspricht.
Dass gleich zwei Zürcher Sonntagszeitungen enthüllten, dass es Christoph Blocher war, der Hildebrand beim Bundesrat anschwärzte, hat ja nichts mit harter, unabhängiger Recherche zu tun. Diese Information wurde den beiden renommierten Blättern aus dem Umfeld des Nationalbankpräsidenten zugesteckt. Die Absicht war klar: Ablenken, indem die Medienaufmerksamkeit auf den umstrittensten Schweizer Politiker gelenkt wird, der erst noch kürzlich als Lügner entlarvt wurde (in Sachen «Basler Zeitung»). Wahrscheinlich wurden die Redaktionen so spät angespitzt, dass es für eine saubere Recherche gar nicht mehr gereicht hat. Ziel erreicht!
Aber auch die andere Seite war nicht faul. Blocher, als «Briefträger» nun ja geübt, hat der «Weltwoche» jenen SVP-Anwalt zugehalten, dem sich der Whistleblower aus der Bank Sarasin anvertraut hatte. Und diese nutzte die Gelegenheit, hieb eilfertig mit dem Zweihänder auf Hildebrand ein und forderte gleich auch noch den Rücktritt all jener Bundesräte, die es versäumten, den Nationalbankpräsidenten vorsorglich um einen Kopf kürzer zu machen. Wie sich zeigte, hat die «Weltwoche» ziemlich geschlampt – oder es jedenfalls an journalistischer Sorgfalt mangeln lassen. Auch das Blatt, das sich gegenüber den «Mainstream-Medien» erhaben fühlt, hat sich instrumentalisieren lassen. Die Redaktion sieht sich dagegen in der Watergate-Tradition. Da bleibt einem Provinzjournalisten schon etwas die Luft weg …
Was in beiden Fällen stört, ist die Tonalität der Berichterstattung. Nicht der leiseste Hauch eines Zweifels entströmt den Texten. «So ist es und nicht anders» lautet der Tenor. Nicht nur bei den Sonntagsmedien (die Hildebrands Sicht unkritisch übernommen haben) ist es allerdings üblich, die Artikel so zuzuspitzen, dass sie eine glasklare Aussage haben. Die Selbstgerechtigkeit hält sich dabei aber in Grenzen. Es geht um die Story und nicht um eine Kampagne. Anders bei der «Weltwoche» mit ihrem typischen zynisch-hämischen Unterton, den auch Blocher drauf hat. Sie will Politik machen und legt sich dazu immer mal wieder mit einer ihr nahestehenden Partei ins Lotterbett.
Der Fall Hildebrand zeigt: Es gibt bei aller Brisanz und bei allem medialen Aufmerksamkeitswettbewerb auch immer noch die Verhältnismässigkeit, die gewahrt werden sollte. Ein wenig weniger (Besser-)Wissen und ein wenig mehr (Hinter-)Fragen wäre zielführender. Das gilt selbstverständlich für alle: Medien, Politik und Hildebrand.
Bleiben Sie dran
David Sieber
04.05.2012 07:00 UHR | 38 KOMMENTARE | 3,376 Leser
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27.10.2011 19:09 UHR | 6 KOMMENTARE | 1,857 Leser
08.01.2012 06:43 Uhr
Na endlich kommen wir weiter
Wir haben Meinungsfreiheit.
Die hat der Köppel. Die hat der Raetzo.
08.01.2012 02:42 Uhr
natürlich
kenne ich die Köppel-Texte, ich habe sie ja 1:1 zitiert, im Beitrag vom 07.01.2012 15:43 Uhr.
Allerdings habe ich mich darauf beschränkt, Köppel-Text zu zitieren, die Tatsachenbehauptungen enthalten.
Was Sie zitieren, sind lediglich Meinungen von Köppel, nicht seine Tatsachenbehauptungen.
Köppels Tatsachenbehauptungen sind falsch, seine Meinung nicht relevant, denn sie fusst auf seinen falschen Tatsachenbehauptungen.
Aber jeder darf meinen was er will, auch wenn die Begründungen falsch oder abstrus sind.
08.01.2012 02:30 Uhr
Da kennen Sie aber die Köppel-Texte nicht
O-Ton Köppel: "Streng genommen waren es nicht einmal Devisen-Spekulationen. Denn Spekulation impliziert Risiko ....". Nachzulesen in der WW "Warum Hildebrand gehen muss".
Weiter sinngemäss: Wenn aber Hildeband in Devisen geht, dann entfällt das Risikoelement weitgehend, weil er ja weiss, was die SNB währungspolitisch im Sinn hat und in sich in seinen privaten Transaktionen entsprechend einrichten kann.
08.01.2012 02:07 Uhr
ich mach die ganze Zeit nichts anderes
als mich auf bekannte Fakten zu beschränken. Vorgeworfen werden ihm Spekulationen, nicht einfach Devisen-Transaktionen. Dass Devisentransaktionen vorgenommen wurden, war nie bestritten.
07.01.2012 17:25 Uhr
Beschränken Sie sich einfach
auf das, was man ihm vorwirft: nämlich Devisen-Transaktionen.
Und stellen Sie fest, ob WW-Bericht und Hildebrand-Version in diesem Punkt deckungsgleich sind. Sie sind es.
Alles andere ist Gewäsch und Tratsch.
07.01.2012 17:19 Uhr
Es ist mutig
im Blog eines Chefredaktors praktisch zu schreiben, es sei ganz einfach nur drittrangig ob von Zeitungen veröffentlichte Tatsachenbehauptungen falsch und erfunden sind.
07.01.2012 17:10 Uhr
Das sind doch Scharmützelchen, lieber Raetzo
Wichtig und Fakt ist, dass auf dem Konto von Herrn H. Devisenan- und verkäufe getätigt wurden, in grossem Stil.
Und das ist mittlerweile beiseitig unbestritten.
Wer in der Vorgeschichte, im Vorspiel, wem was gesagt hat, und wie stichhaltig das dann war, ist doch nicht mal sekundär, es ist drittrangig und ändert an den Dollar-Fakten überhaupt nichts.
Und nun, de-iure ist alles in bester Ordnung, aber moralisch nicht. Das sieht auch auch die Bundespräsidentin so.
07.01.2012 16:43 Uhr
Mal im Ernst
Köppel schreibt: "Quelle war Hildebrands persönlicher Bankberater". Das hat sich als falsch herausgestellt, die ww hat mit ihm gar nie gesprochen.
Dann "Nicht Hildebrands Frau" sei es gewesen, die Prüforgane beschreiben das Gegenteil.
Weiter: "Wie aus sicherer Quelle hervorgeht, ordnete der SNB-Präsident die Devisengeschäfte auch eigenhändig an." Es gab keine sichere Quelle, es gab nur Lei, der Gehörtes weitersagte und Hörensagen ist keine sichere Quelle, nicht für verantwortungsbewusste Journalisten.
Und dann "Als ihn sein Bankberater auf die Fragwürdigkeit der Operationen hinwies soll Hildebrand am Telefon aggressiv geworden sein", das würde heissen, jemand habe bei einem Telefongespräch beide Seiten gehört. Dass die Information von Hildebrands Bankberater kam, wurde in der Zwischenzeit ja ausgeschlossen.
Weiter im Original: "Die Aussagen des Bankberaters, der sich mittlerweile selber wegen Verletzung des Bankkundengeheimnisses anzeigte und gleichzeitig gegen den Notenbank-Chef Anzeige erstattette liegen der Weltwoche vor." Es war kein Bankberater und eine Anzeige liegt nicht vor. Schriftlich schon gar nicht, sie haben nur die Aussagen von Lei.
Köppel greiftn die NZZ an; "Der Chefredaktor der Sonntags-NZZ etwa verkaufte seinen Lesern als Tatsache, nicht Hildebrand, sondern Ehefrau Kashya habe die fraglichen Devisengeschäfte auf ihrem eigenen Konto getätigt. Beides ist falsch, wie die der Weltwoche vorliegenden Dokumente belegen." Die ww ist nicht im Besitz von Dokumenten, die den/die AuftraggeberIn identifizieren.
Und dann sprechen Sie von 10%?
07.01.2012 16:30 Uhr
Ideologisch ge-(verfärbte) Journalistenrecherche
Verschiedenste Beispiele in jüngster Vergangenheit erhärten bei mir als Leser mehrerer Zeitungen den Verdacht, dass Recherchen aus ideologischen Gründen bewusst unterlassen werden. Selbst aktenkundige Fälle werden, wenig übertrieben, der Leserschaft nicht vorgelegt. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, wird verwässert, weggelassen oder auf einen Nebenschauplatz ausgewichen. Beispiele: Die Rolle EX-BR Schmid/NR Grunder beim versuchten Schnäppchen-Landkauf für den SCL-Stadionbau, Stalkeraffäre Armeechef Nef und zuletzt die belegten Akquisitionen des SNB-Chefs.
Kann man diese degenerativen Tendenzen stoppen? - meine naive Frage!
07.01.2012 13:54 Uhr
Der Sachverhalt gemäss Weltwoche
deckt sich zu 90% mit dem in der SNB-Pressekonferenz von dieser Woche vorgetragenen (zugegebenen) Fakten.
Für ein Differenzbereinigungsverfahren offen bleiben nur noch Fragen, ob Madame am 15. August rote oder blaue Söckchen trug, als sie das (angebliche) Auftragsmail verschickte.
07.01.2012 13:42 Uhr
Das Problem dabei ist
dass die Schlussfolgerungen und Forderungen der ww auf den 10 Prozent basieren.
Und lieber einen oder zwei Tage später richtige Informationen als am Sonntag nicht überprüfte oder am Donnerstag 10% falsche.
07.01.2012 13:39 Uhr
Aha!
Man spielt den Bösen und geht dann zur Beichte!
Welch trostloses Weltbild....
07.01.2012 12:37 Uhr
Gewiss, gewiss, Frau Leuenberger
aber damit er über Primeurs mal ein wenig Pressegeschichte schreibt in seinem Journalisten-Leben, müsste er halt gelegentlich, so ein-zweimal pro annum, wenigstens vierzig Minuten lang den ganz Bösen spielen, bis sein Text im Kasten ist. Dann kann er ja zur Beichte und die restlichen 360 Tage wieder recht tun wie eh und je.
07.01.2012 12:24 Uhr
@lorenz
Ich nehme doch an, Herr Sieber geht seinem Beruf nach bestem Wissen und Gewissen nach.
Bezeichnungen wie "Schreiberlinge" sagen m.E. eher 'es bizzeli' mehr aus über den Absender aus als über den Adressaten.
07.01.2012 11:10 Uhr
Danke!
Endlich mal wieder ein wenig Nüchternheit und Reflektiertheit in der Betrachtung dieser volkommen lächerlichen Medien-Blase. +1 suedostschweiz.ch-Leser
@Lorenz 90% Wahrheitsgehalt ist ja grottenschlecht!
07.01.2012 10:33 Uhr
Neid der Habenichts-Schreiberlinge ?
Immerhin, Herr Sieber, 90% dessen, was die Weltwoche brachte, entsprach den Tatsachen, eingeschlossen dem "Kerngehalt" der ganzen Story.
Dass nun alles auf "Habe nichts Unrechtes getan"- Level heruntergeschraubt wird, ist halt Berufsrisiko eines Journalisten, der die "Messlatte" für Recht oder Unrecht, den Kodex der SNB, ja gar nicht kannte. Der war ja zum Zeitpunkt des WW-Berichts noch unter Verschluss.
Der Südostschweiz und anderen Blättern blieb einmal mehr einzig Zweite-Hand-Journalismus und der Status der Nachplapperer.