Liebe Leserin, lieber Leser
In letzter Zeit habe ich es mit Politikern, die eine direkte Verbindung zwischen dem redaktionellen Inhalt und ihren Werbeausgaben machen.
Entschuldigen Sie bitte. Aber nachfolgendes Geschichtlein kann ich nicht unerzählt lassen. Denn es ist wahr (im Gegensatz zu diesem Beitrag).
Der Name des Politikers tut nichts zur Sache. Wenn man aus seiner Gegend stammt, kennt man ihn. Ebenso, wenn man sich sehr gut mit dem schweizerischen Parlament auskennt (wenn Sie wissen, was ich meine …). Also, dieser Politiker wurde von der Internetplattform Politnetz ziemlich weit oben auf der alljährlichen Schwänzerliste geführt. Wir, nicht faul, haben die Geschichte natürlich auf die Nationalräte des Kantons, in diesem Fall St. Gallen, heruntergebrochen. Die Schlagzeile in der «Südostschweiz»-Ausgabe, die seine Region abdeckt: «XY fehlt von allen am meisten». Für eine Lokalzeitung logisch und bereits im Lead aufgelöst ist damit «am meisten von allen St. Galler Nationalräten» gemeint.
Eigentlich einleuchtend. Nicht so für den Politiker. Dieser empörte sich gar fürchterlich. Er liege national auf Platz 16 und nicht an der Spitze. Und er sei nicht stolz darauf, so viele Abstimmungen verpasst zu haben, aber er habe seine Gründe gehabt etc. Dann wird er aber konkret. Ich muss die Passage aus seinem Mail an die Redaktion einfach zitieren: «Ihre Schlagzeile ist zudem nicht gerade kundenfreundlich, wenn ich denke, wie viele Tausende von Franken ich während den Wahlkämpfen in Ihre Zeitung investiert habe!! … Aber eine Zeitung lebt zu einem guten Teil von den Inseraten.»
Das ist doch ziemlich unverfroren für einen Politiker, der sich Demokrat nennt. Wenn ein Nationalrat die Berichterstattung über seine Person (und dann über seine Weltsicht, seine politischen und wirtschaftlichen Interessen etc.) quasi an das Inseratevolumen koppelt, dann lässt das tief blicken. Dann hatte er in der Schule im Fach Staatskunde tatsächlich einen Fensterplatz und in den mittlerweile auch schon neun Jahren im Bundeshaus nicht wirklich was dazugelernt.
Damit wir uns recht verstehen. Es geht nicht darum, dass eine Zeitung einen Politiker nicht auch mal ungerecht behandeln würde oder ein Politiker sich nicht auch mal ungerecht behandelt fühlen und dies zum Ausdruck bringen darf. Es geht darum, dass ein Politiker seinen Wählerinnen und Wählern sowie seiner Region Rechenschaft schuldig ist. Und wenn er nun mal der grösste St. Galler Schwänzer unter der Bundeshauskuppel ist, dann soll er dazu stehen – und dann seinen Job machen.
Der Politiker hat auch noch angekündigt, keine weiteren Kolumnen mehr für uns zu schreiben – und dabei übersehen, dass wir ihm den Platz zur Verfügung stellen, damit er über seine Berner Heldentaten gleich selbst berichten kann. Er hat sich also selbst um seine Plattform gebracht. So erfahren seine Wähler eben nicht, dass er zumindest die erste Sessionswoche keinen einzigen Tag gefehlt hat …
18.05.2013 00:00 UHR | 1 KOMMENTARE | 604 Leser
06.05.2013 14:38 UHR | 0 KOMMENTARE | 850 Leser
01.05.2013 00:00 UHR | 2 KOMMENTARE | 795 Leser
18.04.2013 00:00 UHR | 2 KOMMENTARE | 1,795 Leser
09.04.2013 00:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 1,171 Leser
28.03.2013 01:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 2,148 Leser
13.03.2013 01:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 1,645 Leser
28.02.2013 01:00 UHR | 3 KOMMENTARE | 2,748 Leser
16.02.2013 01:00 UHR | 3 KOMMENTARE | 3,763 Leser
07.02.2013 01:00 UHR | 13 KOMMENTARE | 5,834 Leser
18.01.2013 01:00 UHR | 1 KOMMENTARE | 3,860 Leser
14.12.2012 01:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 3,633 Leser
24.11.2012 01:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 3,293 Leser
17.11.2012 01:00 UHR | 2 KOMMENTARE | 3,677 Leser
13.11.2012 14:52 UHR | 4 KOMMENTARE | 3,638 Leser
09.11.2012 01:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 3,215 Leser
26.10.2012 06:00 UHR | 2 KOMMENTARE | 3,869 Leser
19.10.2012 07:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 3,226 Leser
12.10.2012 07:30 UHR | 4 KOMMENTARE | 3,767 Leser
29.09.2012 00:00 UHR | 0 KOMMENTARE | 3,015 Leser
06.12.2012 10:57 Uhr
Politiker droht mit Inserateboykott
Danke, David Sieber, für diesen Einblick. Das Beispiel zeigt auch, dass es offenbar sehr schwierig ist, auch Politikern zu vermitteln, was redaktionelle Unabhängigkeit bedeutet und wie anfällig Redaktionen in einem von Inseraten angetriebenen Finanzierungsmodell sind. Und ebensolche Politiker sollen dann in Bern darüber fachsimpeln, wie man allenfalls Journalismus fördern kann, was von einem Leistungsschutzrecht zu halten ist und dass doch der Markt das alles selber regeln würde oder so. Es ist wohl auch wichtig, dass Redaktionen selbst entsprechende Grundhaltungen nicht als selbstverständlich voraussetzen, sondern besser vermitteln.