«Interna» – der Blog von David Sieber, Chefredaktor der «Südostschweiz». Regelmässig gibt er Einblicke in die Redaktion, lässt Sie teilhaben an Entscheidprozessen und an Diskussionen am Sitzungstisch. Dazu schreibt er über die Medienbranche allgemein, nimmt Stellung zu medienethischen Fragen und lädt Sie zum Mitdiskutieren ein.

138 Beiträge  138 Beiträge
362 Kommentare  362 Kommentare
905674 Leser  905674 Leser

Ein Politiker ist ein Politiker ist ein Inserent

Liebe Leserin, lieber Leser

In letzter Zeit habe ich es mit Politikern, die eine direkte Verbindung zwischen dem redaktionellen Inhalt und ihren Werbeausgaben machen.

Entschuldigen Sie bitte. Aber nachfolgendes Geschichtlein kann ich nicht unerzählt lassen. Denn es ist wahr (im Gegensatz zu diesem Beitrag).

Der Name des Politikers tut nichts zur Sache. Wenn man aus seiner Gegend stammt, kennt man ihn. Ebenso, wenn man sich sehr gut mit dem schweizerischen Parlament auskennt (wenn Sie wissen, was ich meine …). Also, dieser Politiker wurde von der Internetplattform Politnetz ziemlich weit oben auf der alljährlichen Schwänzerliste geführt. Wir, nicht faul, haben die Geschichte natürlich auf die Nationalräte des Kantons, in diesem Fall St. Gallen, heruntergebrochen. Die Schlagzeile in der «Südostschweiz»-Ausgabe, die seine Region abdeckt: «XY fehlt von allen am meisten». Für eine Lokalzeitung logisch und bereits im Lead aufgelöst ist damit «am meisten von allen St. Galler Nationalräten» gemeint.

Eigentlich einleuchtend. Nicht so für den Politiker. Dieser empörte sich gar fürchterlich. Er liege national auf Platz 16 und nicht an der Spitze. Und er sei nicht stolz darauf, so viele Abstimmungen verpasst zu haben, aber er habe seine Gründe gehabt etc. Dann wird er aber konkret. Ich muss die Passage aus seinem Mail an die Redaktion einfach zitieren: «Ihre Schlagzeile ist zudem nicht gerade kundenfreundlich, wenn ich denke, wie viele Tausende von Franken ich während den Wahlkämpfen in Ihre Zeitung investiert habe!! … Aber eine Zeitung lebt zu einem guten Teil von den Inseraten.»

Das ist doch ziemlich unverfroren für einen Politiker, der sich Demokrat nennt. Wenn ein Nationalrat die Berichterstattung über seine Person (und dann über seine Weltsicht, seine politischen und wirtschaftlichen Interessen etc.) quasi an das Inseratevolumen koppelt, dann lässt das tief blicken. Dann hatte er in der Schule im Fach Staatskunde tatsächlich einen Fensterplatz und in den mittlerweile auch schon neun Jahren im Bundeshaus nicht wirklich was dazugelernt.

Damit wir uns recht verstehen. Es geht nicht darum, dass eine Zeitung einen Politiker nicht auch mal ungerecht behandeln würde oder ein Politiker sich nicht auch mal ungerecht behandelt fühlen und dies zum Ausdruck bringen darf. Es geht darum, dass ein Politiker seinen Wählerinnen und Wählern sowie seiner Region Rechenschaft schuldig ist. Und wenn er nun mal der grösste St. Galler Schwänzer unter der Bundeshauskuppel ist, dann soll er dazu stehen – und dann seinen Job machen.

Der Politiker hat auch noch angekündigt, keine weiteren Kolumnen mehr für uns zu schreiben – und dabei übersehen, dass wir ihm den Platz zur Verfügung stellen, damit er über seine Berner Heldentaten gleich selbst berichten kann. Er hat sich also selbst um seine Plattform gebracht. So erfahren seine Wähler eben nicht, dass er zumindest die erste Sessionswoche keinen einzigen Tag gefehlt hat …

  • Date: 06.12.2012, 11:00 hours
  • Webcode: 2719811
 

 

Gastbeitrag
The content of this field is kept private and will not be shown publicly.

  • Web page addresses and e-mail addresses turn into links automatically.
  • Allowed HTML tags: <p> <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Lines and paragraphs break automatically.
  • Each email address will be obfuscated in a human readable fashion or (if JavaScript is enabled) replaced with a spamproof clickable link.

More information about formatting options

Code:*
CAPTCHA
Enter your dog's name:
Speichern Vorschau
Sie erklären sich damit einverstanden, unseren Service weder für illegale Zwecke, noch zur Übermittlung von gesetzeswidrigen, belästigenden, beleidigenden, die Privatsphäre anderer verletzenden, missbräuchlichen, bedrohlichen, schädlichen, vulgären, obszönen, verleumderischen, zu beanstandenden oder anderweitig verwerflichen Inhalten oder von Material, welches das geistige Eigentum oder andere Rechte einer Person verletzt oder verletzen könnte, zu benützen. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden
Vinzenz Wyss

06.12.2012 09:57 Uhr

Politiker droht mit Inserateboykott

Danke, David Sieber, für diesen Einblick. Das Beispiel zeigt auch, dass es offenbar sehr schwierig ist, auch Politikern zu vermitteln, was redaktionelle Unabhängigkeit bedeutet und wie anfällig Redaktionen in einem von Inseraten angetriebenen Finanzierungsmodell sind. Und ebensolche Politiker sollen dann in Bern darüber fachsimpeln, wie man allenfalls Journalismus fördern kann, was von einem Leistungsschutzrecht zu halten ist und dass doch der Markt das alles selber regeln würde oder so. Es ist wohl auch wichtig, dass Redaktionen selbst entsprechende Grundhaltungen nicht als selbstverständlich voraussetzen, sondern besser vermitteln.

 

WEITERE BEITRÄGE ZUM THEMA

RSS

17.11.2014 12:10 Uhr | 0 Kommentare | 465 Leser

Viel Schaum auf schalem Bier

Und noch einer prophezeit das baldige Ende der Bezahlzeitung. Spätestens 2025 gebe es in der Deutsch- und der Westschweiz noch je eine Qualitätszeitung. Aber nicht mehr auf Papier, sondern nur noch digital, orakelt der ehemalige Journalist und heutige Politikberater Mark Balsiger in seinem neuen Buch «Wahlkampf statt Blindflug».

mehr...

14.11.2014 16:14 Uhr | 0 Kommentare | 750 Leser

Die Ruhe vor dem Sturm

Liebe Leserin, lieber Leser Die neue "Südostschweiz" darf noch nicht ans Licht der Öffentlichkeit. Noch kann ich Ihnen nicht zeigen, wie schön das Baby geworden ist.

mehr...

03.11.2014 10:16 Uhr | 5 Kommentare | 2,658 Leser

Warum Professor Imhof nervt ... und wir Journalisten selber schuld daran sind

Alle Jahre wieder das gleiche Spektakel. Ein Soziologieprofessor macht die Medien madig und die Medien reagieren pikiert. Das ist der Qualität der Debatte über die Qualität der Medien nicht förderlich.

mehr...

20.10.2014 09:08 Uhr | 0 Kommentare | 820 Leser

Stellwerkstörung auf Twitter

140 Zeichen sind ganz schnell getippt. Nicht selten so schnell, dass das Hirn nicht mehr rechtzeitig schalten kann. Was in der Sekunde des Postens passend, witzig und gescheit schien, erweist sich kurz darauf als peinlich, banal und dumm. Twitter verleitet dazu, aus der Hüfte zu schiessen. Das ist zwar authentisch und offenbart tiefe Einblicke in die jeweilige Persönlichkeit (jedenfalls auf der Zeitachse), doch es kann auch gefährlich sein.

mehr...

24.09.2014 16:41 Uhr | 0 Kommentare | 1,238 Leser

Nett, höflich, bestimmt – eine Blattkritik

Liebe Leserin, lieber Leser Daniel Foppa ist Inland-Chef des "Tagesanzeigers". Der Heimwehbündner kennt die "Südostschweiz" sehr gut. Nicht zuletzt, weil er als Bundeshausredaktor von 2003 bis 2007 selbst für sie gearbeitet hat.

mehr...

23.09.2014 07:41 Uhr | 0 Kommentare | 887 Leser

Neues aus dem Tierreich

Es gibt: eine Eidgenössische Medienkommission, ein von einem Soziologen verfasstes Jahrbuch der Medien, eine Stiftung Medienqualität Schweiz, einen Verein Medienkritik Schweiz, eine Aktion Medienfreiheit, diverse Internetportale, Blogs und einen wiedererwachten Medienjournalismus von NZZ bis SRF.

mehr...

24.08.2014 12:51 Uhr | 1 Kommentare | 2,032 Leser

Der Angriff der «Untermenschen»

Während das #gerigate immer neue Weiterungen erfährt und unter anderem eine notwenige und erstaunlich differenzierte medienethische Debatte angestossen hat, tun sich im Schatten fast unbemerkt Abgründe auf.

mehr...

18.08.2014 23:45 Uhr | 6 Kommentare | 4,160 Leser

Nackte Tatsachen

Liebe Leserin, lieber Leser

Haben die Medien neuerdings die Aufgabe, mit erhobenem Zeigefinger anderer Leute Moral zu bewerten? Oder sind gewisse Leute der Selfiemanie erlegen und benehmen sich dermassen dämlich, dass dies einfach rauskommen muss?

mehr...

21.07.2014 16:30 Uhr | 0 Kommentare | 2,122 Leser

Lustvoll leiden an der eigenen Branche

Markus Wiegand ist ein quirliger Hansdampf. Als Chefredaktor des «Schweizer Journalisten» legt er sich mit den Grossen der Medienbranche ebenso genüsslich an wie als Schriftleiter des deutschen Magazins «Der Wirtschaftsjournalist». Sein Problem: Er benimmt sich wie ein Journalist, ist hartnäckig, fragt nach.

mehr...

07.07.2014 09:11 Uhr | 0 Kommentare | 2,020 Leser

Das Bortoluzzi-Rezept

Man nehme einen alternden, von seiner Partei längst zum Auslaufmodell erklärten Sesselkleber. Man lasse ihn seinen Frust über das wenig glorreiche Ende einer Politikerkarriere abladen. Und schon hat man, mit ein wenig Glück, Storys für eine ganze Woche.

mehr...

04.07.2014 23:00 Uhr | 0 Kommentare | 2,082 Leser

Auf der Suche nach dem Publikum von morgen

Liebe Leserin, lieber Leser

Der Verband Schweizer Medien, dessen Präsident Hanspeter Lebrument Verleger der «Südostschweiz» ist, hat kürzlich ein Weissbuch herausgegeben. Besprochen wurde das Werk, das sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit unserer Branche befasst, unter anderem hier und hier. Auch ich durfte einen Beitrag verfassen. Hier ist er:

mehr...

15.06.2014 23:00 Uhr | 0 Kommentare | 1,754 Leser

Wer hält den Ball flach?

Die Fussballweltmeisterschaft, die gigantischste Sportveranstaltung der Welt, will journalistisch verarbeitet werden. Dafür scheuen die Medien keinen Aufwand. Ob dieser angemessen ist oder nicht – schliesslich geht es um ein Spiel, nicht um die Zukunft der Menschheit –, ist zwar eine berechtigte, aber angesichts des riesigen Interesses rhetorische Frage.

mehr...

02.06.2014 23:00 Uhr | 0 Kommentare | 4,900 Leser

Haltung macht die Zeitung spannend

Liebe Leserin, lieber Leser

Kürzlich hatte ich das Vergnügen, zusammen mit Markus Somm, dem Chefredaktor der «Basler Zeitung», vor fast 140 Journalistinnen und Journalisten des «St. Galler Tagblatts» anlässlich deren Retraite im Kloster Fischingen aufzutreten. Das Thema: Journalismus mit Haltung. Anbei mein Referat zum Thema.

mehr...

19.05.2014 19:00 Uhr | 0 Kommentare | 3,100 Leser

Auf die Kuh gekommen

Die schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG), die alle Landesteile mit vielen, vielen televisionären und radiofonen Sendern beglückt, steht bekanntlich unter politischem Dauerbeschuss von rechts. Nichts können Roger de Weck und seine 6068 Mitarbeiter (Stand Ende 2013) recht machen. Immer bekommen sie auf den Deckel.

mehr...

05.05.2014 23:00 Uhr | 0 Kommentare | 2,718 Leser

Der wohltuende Schnitt

Liebe Leserin, lieber Leser

Am vergangenen Samstag wurde vom Verein Art-Public Chur die Aktion «Ortung – Kunst im öffentlichen Raum» gestartet. Weil die «Südostschweiz» mit von der Partie ist, durfte ich an der Eröffnung einige Worte an die Gäste richten. Hier sind sie:

mehr...

22.04.2014 23:00 Uhr | 0 Kommentare | 2,470 Leser

Thesen und Tatsachen

Was gilt jetzt? Sind die Jungen stimmfaul, wie die Vox-Analyse zur Abstimmung über die Einwanderungsinitiative von Claude Longchamp nahelegt? Oder ist womöglich die Meinungsforschung mehr Meinung als Forschung, wie eine Überprüfung des Stimmverhaltens in Genf, Neuenburg und St. Gallen durch die «NZZ am Sonntag» vermuten lässt? Wir wissen es nicht genau und werden es wohl auch nie genau wissen.

mehr...

31.03.2014 14:32 Uhr | 0 Kommentare | 2,479 Leser

Lieber Hoodie als Scheuklappen

Ein Wort macht die Runde: Hoodie-Journalismus. Stehend für krawattenlose, hippe Online-Journalisten, aka Schmuddelkinder. Und dies in einer Branche, die weiss, dass der digitalen (Nachrichten-)Welt die Zukunft gehört, und dennoch lieber am Status quo festhält.

mehr...

25.03.2014 00:00 Uhr | 2 Kommentare | 3,523 Leser

Das Abenteuer beginnt

Liebe Leserin, lieber Leser

Es hat lange gedauert. Länger als gedacht und ursprünglich geplant. Doch jetzt ist es so weit. Jetzt beginnen die Arbeiten am Relaunch der «Südostschweiz».

mehr...

03.03.2014 10:03 Uhr | 1 Kommentare | 2,439 Leser

Geköpft und seziert

Eigentlich ist die von einigen Medienprofessoren angestossene Diskussion Balsam für die Seelen von uns Journalistinnen und Journalisten. Da wird uns jahrelang und schon fast vorwurfsvoll eingebläut, dass wir einer sterbenden Branche die Treue halten, dass die Zeitungen von Inserenten und Lesern verlassen werden, dass mit uns kein Geld mehr zu machen ist, weshalb die Verlage die Redaktionen aushungern und dafür in Schnäppchenportale und Eventagenturen investieren.

mehr...

08.02.2014 00:00 Uhr | 1 Kommentare | 3,824 Leser

Cable kommt nicht (mit Nachtrag)

Liebe UPC Cablecom

Wir hier von der Redaktion der «Südostschweiz» gehen nicht davon aus, dass Du diese Zeilen liest – so wenig wie Briefe und Mails. Da Du auch schwerhörig zu sein scheinst und infolgedessen nur ungern ans Telefon gehst, musst Du in einer heilen Welt leben. Aus Deiner Sicht müssen Dich die Kunden lieben, muss Dein Produkt perfekt sein. Zugegeben, wenn Deine Dienstleistung funktioniert, gibts wenig zu mäkeln.

mehr...

Communityticker

Community

Top-Deals

Kommen Sie in Ihrem Leben weiter - Sie erhalten eine Erstberatung (60 Min.) in Chur mit Kurzanalyse Ihrer verschiedenen Lebensbereiche
CHF 60.-
CHF 130.-
mehr
Gemütliches Beisammensein bei einem Fondue mit dem Elektro Fondue-Set von crazystuff.ch inkl. Lieferung
CHF 31.-
CHF 63.-
mehr
Geniessen Sie ein italienisches Abendessen zu Hause - Lieferservice (Region Chur) für 2 Pizzen und 2 Softgetränke nach Wahl
CHF 25.-
CHF 49.-
mehr
Somedia Production