Das ungewöhnlich heisse Licht der Sonne brannte auf seiner Haut, schien sogar seinen schattenspendenden Hut zu durchdringen, während lautes Gebrüll sein Trommelfell zu zerreissen versuchte. Kein Wind wehte durch die Gassen der Stadt Benghazi, und somit schien die e-norme Hitze auf Ahmeds ungeschützten Armen und Beinen noch wärmer und brühender zu sein, als sie es überhaupt schon war.
Doch der junge Libyer war sich extreme und unerwartete Temperaturen gewohnt. Es war schliesslich schon eine Weile her gewesen, als er Amerika verlassen und sich entschieden hatte, zusammen mit seinen Mitbürgern das tyrannische Regime des Muammar al-Gaddafi zu bekämpfen. Damals, Ahmed erinnerte sich noch genau, hatte er einen sicheren Studienplatz an der Universität von New York aufgegeben, seinen Kugelschreiber für ein Maschinenge-wehr und seinen Notizblock gegen eine schusssichere Weste eingetauscht, um in seiner Hei-mat entweder als Held der Revolution gefeiert oder als Toter im Namen der Freiheit begraben zu werden. Und nun trug er eine kleine, doch bedeutsame rot-schwarz-grüne Fahne mit dem Halbmond hinter sich, in deren Namen so viele seiner Brüder gefallen waren, diese jedoch in den Herzen aller Libyer weiterleben werden.
Es dauerte nicht lange, bis er sich einen Weg durch die gigantische Menge auf dem Platz von Benghazi gebahnt und einige seiner Freunde wiedererkannte. Ahmed hatte sie im Laufe der Revolution kennengelernt, und er wusste, dass viele von ihnen das gleiche hatten durchma-chen müssen wie er selbst. Einer der älteren unter ihnen war früher der Besitzer eines gut lau-fenden Restaurants in der Schweiz gewesen, hatte dort sogar eine schöne Frau und Kinder gehabt, und doch war er seinem Volk zu Hilfe geeilt, als es ihn in der bittersten Stunde brauchte. Sein Name war Abdul, und es war er, dem Ahmed am meisten Respekt zollte. Nicht viele wären in der Lage gewesen, ihr ganzes Leben aufzugeben, um in einem Krieg zu kämp-fen.
Der junge Araber bemerkte, wie viele seiner Freunde Waffen unter ihrer Kleidung trugen. Er wusste, dass sie geladen waren, trotzdem beunruhigte ihn das nicht. Es waren dieselben Waf-fen, die man den Milizen am Anfang des Aufstandes gegeben hatte. Natürlich hatte nicht ei-ner der Bürger gewusst, wie man die Pistolen und Gewehre richtig handhabte, doch trotzdem war jeder einzelne im Kampf auf diese Tötungsmaschinen angewiesen gewesen. Ahmed selbst besass sein Gewehr auch noch immer, zuhause, und er würde es auch erst dann abge-ben, wenn die Demokratie nicht nur im Munde, sondern auch auf dem Papier war. Wie viele andere sah er es als seine Pflicht an, diese wichtige Übergangsphase mit allen Mitteln vertei-digen zu müssen. Aber überhaupt, wer sollte dies denn sonst auch tun? Etwa die vom Staat eingesetzte Polizei, die an Korruption sogar die Soldaten des alten Regimes übertrafen? Plötzlich setzte die libysche Nationalhymne ein, und der ganze Platz verstummte für einige Augenblicke, als den gefallenen Bürgern gedacht wurde. Danach begannen laute Jubelschreie wieder Ahmeds Ohren zu betäuben, und es wurde der erste Jahrestag der libyschen Revoluti-on gefeiert.
01.05.2012 19:04 UHR | 0 KOMMENTARE | 292 Leser
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