Es gibt in der Bibel das berühmte Jesus-Zitat, in dem die Welt der Erwachsenen auf den Kopf gestellt wird und wir aufgefordert werden, bei den Kindern in die Schule zu gehen: «Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen.»
Was für ein Anschlag auf unsere Zeit, in der wir Erwachsenen meist nur noch leben, um zu arbeiten, in der wir das Leben in Arbeit und Vergnügen auseinanderdividiert haben und die Aufgabe der Schule vor allem darin sehen, unsere Kinder für das gnadenlose «Ellebögle» der Grossen fit zu machen!
«Werdet wie die Kinder» lautet das Zitat aber und nicht: «Werdet wie die Erwachsenen». Doch – was soll denn an der Welt und Wirklichkeit der Kinder so besonders und vorbildlich sein?
Die meisten so genannt Erwachsenen – so sagen Bibel und moderne Psychologie in vielerlei Beispielgeschichten erstaunlich übereinstimmend – haben sich gewissermassen eine Wirklichkeit aus einzelnen Bausteinen dieser Welt zusammengestellt, die sie schon für die Welt selber, für die ganze Wirklichkeit halten. Sie haben sich derart an dieses gesellschaftliche Spiel gewöhnt, dass sie mit der Zeit meinen, dieses ihr Spiel sei die einzige Wirklichkeit und Wahrheit. Sie sind nicht mehr in der Lage, hinter ihrer aufgebauten Scheinwelt eine weitere Dimension zu erkennen, auf eine Welt zu vertrauen, die uns auch dann trägt, wenn die von uns errichtete nicht mehr hält. Ohne dieses kindliche Urvertrauen indes – so vertreten es religiöse und psychologische Experten wiederum gemeinsam – ist es unmöglich, wirklich erwachsen zu werden. Solche «Erwachsene» können einem Kind eine verlässliche Welt höchstens vorspielen. Aber früher oder später wird das Kind respektiv der Jugendliche die Verlogenheit dieser nur vorgegaukelten Welt erkennen, und dann wird ihm alles zusammenbrechen.
Erscheint Ihnen das zu weit hergeholt und zu spekulativ-phantastisch? Für unsere Kinder und Jugendlichen ist es das beileibe nicht. Anders kann ich mir nicht erklären, warum genau diese Themen von Echtheit, wirklicher Identitätsfindung, vom Ringen um menschliche Werte jenseits von Geld und Profit im Religions- und Konfirmandenunterricht von den Schülerinnen und Schülern immer wieder gewünscht und mit aufrichtigem Engagement bearbeitet werden. Und es ist für mich kein Zufall, dass die «Matrix»-Filme (gedreht 1999-2003), die unsere Wirklichkeit als vorgegaukelte und manipulierte Spielwelt entlarven, zu Kult-Filmen für eine ganze Generation von Jugendlichen geworden sind, die sich alle in der Rolle des «Matrix»-Helden «Neo» wiederfinden können, der die Herausforderung annimmt, durch die vorgespielte Scheinwirklichkeit zu seinem eigenen Selbst durchzubrechen.
Wie aber kann man als Erwachsener dieses kindliche Urvertrauen und Urwissen behalten, das immer auch mit einer Welt und Dimension jenseits allen Scheins rechnet und daraus Kraft schöpft? Vielleicht, indem man zum «erwachsenen Kind» wird, als Erwachsener kindlich und nicht kindisch wird. Der Theologe, Autor und langjährige Leiter des evangelischen Kindergärtnerinnenseminars Zürich, Fritz Gafner (1930-2007), fasst die Suche nach dem «erwachsenen Kind» in seinem gleichnamigen Buch folgendermassen zusammen:
«Wenn nicht nur das Kind vom Erwachsenen lernt, sondern auch der Erwachsene vom Kind, wenn nicht nur das Kind beim Erwachsenen Geborgenheit erfährt, sondern auch der Erwachsene beim Kind, darf das Kind schon erwachsen sein, lange bevor es erwachsen sein muss, und der Erwachsene darf kindlich sein, ohne wieder Kind sein zu müssen, und dann sind beide – das Kind und der Erwachsene – das erwachsene Kind.»
Und solche «erwachsenen Kinder» und «Neos», die sich nicht einfach bequem in einer vorgegebenen Scheinwelt einrichten, sondern sich mit dem ihnen eigenen Vertrauen und Selbstbewusstsein auf die Suche nach der realen Welt und deren bestmöglichen Gestaltung begeben: Was für ein Fortschritt und was für Perspektiven für unsere aus den Angeln gehobene «Zuvielisation»!
28.04.2012 00:47 UHR | 0 KOMMENTARE | 1,051 Leser
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