Liebe Generation «Facebook Schrägstrich Twitter», ich arbeite in einer Agentur, welche sich unter anderem intensiv mit den Sozialen Medien befasst. Ich habe das – vielleicht völlig verblendete – Gefühl, dass ich ein relativ cooler Mensch bin.
Doch was sich da zeitweise auf meiner Timeline (für alle Nicht-Digital-Natives und Desinteressierten: Das ist der Nachrichtenverlauf, welcher auf den verschiedenen Portalen die aktuellen Aktivitäten und Aussagen der im Netzwerk befindlichen Kontakte anzeigt) abspielt, gehört mitunter zu den dümmsten Dingen, die ich je gelesen habe. Und das wirklich Unglaubliche an der ganzen Angelegenheit ist, dass es gewisse Leute wirklich schaffen, sich diesbezüglich kontinuierlich selbst zu übertreffen.
An dieser Stelle sei der Ansatz, dass das Internet eine gewisse Anonymität gewährleistet und somit unüberlegte Äusserungen oder Fotos ungesehen macht, zum puren Nonsens erklärt. Mit der Einstellung «Hey, hasch gseh uf Facebook...?!» muss mir niemand mehr kommen.
Liebe Userinnen und User, man sieht letztlich ALLES, was ihr irgendwo ins Netz stellt. Da könnt ihr noch so komplexe Privatsphäreeinstellungen vorgenommen haben. Je grösser die Peinlichkeit, welche ihr mit euren digitalen «Freunden» teilt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese mit eurer Dummheit brüsten. Und jetzt mal ehrlich, ihr seid teilweise Mitte Zwanzig bis Mitte Dreissig und verkündet mit Stolz, dass ihr das dumme Gelaber eures Chefs aufgrund eures nicht ganz ausgeschlafenen Rausches kaum ertragen könnt und er sich die Arbeit sonst wohin stecken kann. Come on, wie alt sind wir denn?!
Oder ihr habt gerade «eine sooooo unglaubliche Sache entdeckt, das glaubt mir keiner...». Was bitte entdeckt man denn genau Unglaubliches, vormittags um 11.15 Uhr am Bürotisch in einer St. Galler Treuhandfirma? Den getürkten Jahresabschluss des eigenen Betriebes? Eine Leiche? Wohl kaum, oder?
Welche Einträge bei mir jedoch am meisten Kopfschütteln auslösen, sind die «Mann, Durchfall ist einfach uncool»-Einträge. Und davon gibt es täglich einige. Ich meine, mich interessieren weder Blähungen am Arbeitsplatz, noch irgendwelche Anekdoten über eure anscheinend nicht gerade blumig duftenden Mitarbeiter. Habt ihr, liebe Userinnen und User, wirklich das Gefühl, euch oder eurem Gegenüber sei damit geholfen, dass ihr im Internet über Ausdünstungen anderer ablästert? Ich denke eure Ansagen im Internet verschlechtern das Arbeitsklima weit mehr als der angebliche Geruch des Mitarbeiters.
Jetzt werden sich wohl einige fragen, warum ich solche Leute denn überhaupt noch in meinen digitalen Kontakten lasse. Ganz einfach: Mir gefällt es, zu sehen, wie sich diese Menschen im realen Leben präsentieren. Da stehen sie dann über allem und sind stets Herr der Lage. Zwangsläufig drängt sich dann aber die Frage auf, in welcher der beiden Welten nun die Maske auf- oder eben abgesetzt wird.
30.10.2012 01:04 UHR | 1 KOMMENTARE | 1,766 Leser
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