Gelangweilt blättere ich in einem abgegriffenen Buch mit dem Titel «Alleine unter Russen». Bald schon muss ich das Buch jedoch zur Seite legen, da ich aufgerufen werde, mich bereit zu machen.
Mittlerweile hält die Nacht Einzug und verwandelt die schneebedeckten Rottannen in dunkelblaue, düstere Gestalten. Der französische Ort Champagny-en-Vanoise zeigt uns mit minus 28 Grad Celsius seine kalte Schulter.
Ich versuche vor dem Start mehr Blut in meine Fingerspitzen zu bekommen, indem ich wie ein Wilder meine Arme kreise. «Three, two, one, go!»
Mein Herz pocht wie wild, droht zu zerspringen. Trotzdem bin ich für einmal völlig konzentriert, fliege die etwa 15 Meter hohe Mauer aus Eis in Gedanken förmlich empor. Energisch springe ich ab, um mit dem linken Eispickel gegen den Zeitschaltknopf zu hämmern. 13,87 Sekunden – zum ersten Mal habe ich es in einem Worldcup ins Finale geschafft. Mit Platz 15 habe ich mich nach 14 Russen für das Finale qualifiziert. Hinter mir folgen ein Niederländer, ein Bulgare und ein Tscheche. Klar ist Eisklettern eine Randsportart, trotzdem freue ich mich, bereits in meinem zweiten internationalen Wettkampfjahr in einem Finale klettern zu dürfen. Die Russen, welche schon immer die vordersten Ränge besetzten, ja gar beschlagnahmten, sind natürlich noch unantastbar für die Schweizer Selektion. Aber dieses Wochenende hat mein Vertrauen gestärkt, meine Messlatte immer höher anzusetzen.
Samstags schliessen wir unsere «Tour de France» in Chamonix ab. Wir ziehen durch die belebten Gassen, wir beobachten das rege Treiben in der verwinkelten Altstadt. 300 Gramm Fleisch, Salat, Tomaten und Pommes – der legendäre Double Midnight Express, wo sonst gibt es so einen Burger? Wir sitzen gerade gemütlich auf dieser Bank vor der Midnight-Bar an unserem «Zmittag und Znacht» in einem, als mir klar wird, wie sehr ich Chamonix liebe. Von dem Berg-Charme ist gerade an diesem Wochenende, unter den Touristenscharen, nicht mehr viel auszumachen. Wo einst ländliche Häuser standen und Kühe friedlich grasten, stehen jetzt Parkhäuser und Wolkenkratzer. Chamonix präsentiert sich mir als Megacity. Ich jedoch verschliesse meine Augen und fühle die Magie, die für mich von diesem Ort hier ausgeht. Der gleiche unverkennbare Ausdruck, den ich schon als 15-jähriger Träumer empfand, als ich zum ersten Mal in Chamonix war, der Welthauptstadt des Bergsteigens, um am Mont Blanc zu klettern. Mon amour c'est pour toi Chamonix!
05.05.2012 00:00 UHR | 1 KOMMENTARE | 645 Leser
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